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Zwischen Präzision und Politik

Zwischen Kartoffelfeld, Medien und Verbraucherfragen
Präzision statt Bauchgefühl GPS-Technik, Wetterstationen und Ertragskarten helfen dabei, Dünger, Wasser und Pflanzenschutz gezielter einzusetzen.
Boden ist das Kapital Die Familie Fuchs analysiert ihre Böden regelmäßig und setzt auf organischen Dünger sowie möglichst schonende Bodenbearbeitung.
Landwirtschaft sichtbar machen Über Schulbesuche, Hofladen und Social Media erklärt Christiane Fuchs, wie moderner Kartoffelanbau heute funktioniert.

Wie Christiane Fuchs aus Worms-Heppenheim einen Familienbetrieb mit modernster Technik in die Zukunft führt, und warum Medien sie befragen, wenn es darum geht, die Lage der Landwirtschaft realistisch darzustellen

„Ich bin stolz, Landwirtin zu sein und möchte mit meinem Engagement die Wertschätzung der Verbraucher steigern.“

Christiane Fuchs

Es ist drei Uhr morgens, als Christiane Fuchs zusammen mit ihrem Vater auf das Feld fährt. Die Thermometer zeigen Minusgrade, und die Frühkartoffeln müssen mit der sogenannten Frostschutzbewässerung vor den sehr kalten Temperaturen bewahrt werden. Eine effektive Methode, bei der Kristallisationswärme durch kontinuierliches Besprühen der Pflanzen freigesetzt wird. Bis 22 Uhr am gleichen Abend wird sie heute arbeiten. Wer glaubt, Landwirtschaft sei ein traditionelles, beschauliches Geschäft, sollte einen Tag lang Christiane Fuchs begleiten.

GPS-Technik, Wetterdaten und digitale Ertragskarten helfen der Familie Fuchs dabei, präziser anzubauen und Ressourcen gezielter einzusetzen.

Der Hof der Familie Fuchs liegt in Worms-Heppenheim, mitten im Rheingraben, auf rund 130 Hektar. Auf den Feldern wachsen Zuckerrüben, Getreide, Mais, Zwiebeln und vor allem das, wovon die Familie hauptsächlich lebt: Frühkartoffeln. Christiane, die Landwirtschaft in Triesdorf studiert hat, ist die zukünftige Hofnachfolgerin. Sie ist nicht nur Landwirtin, sondern Unternehmerin, Technik-Enthusiastin, Social-Media-Stimme und gefragte Gesprächspartnerin für Medien, von der Lokalzeitung bis zum Regionalfernsehen.

Der Boden als Kapital

Später am Tag erzählt sie: „Wir pflügen so wenig wie möglich, um das Bodenleben zu schonen.“ Dabei stützt sie sich auf ihren Spaten. Ein ständiger Begleiter, um die Bodenbeschaffenheit auf den Feldern zu prüfen. Pflügen ist nicht gleich Pflügen auf diesem Betrieb. Bei Zwiebeln wird nur gegrubbert: „Dadurch wird die Erde schön feinporig, ohne dass wir sie dabei wenden und das Bodenleben förmlich auf den Kopf stellen müssen.“ Bei Kartoffeln hingegen muss der Boden tiefer bearbeitet werden, um Schädlinge wie Drahtwürmer oder virusübertragende Insekten wie die Schilf-Glasflügelzikade zu bekämpfen.

Nährstoffe bekommt der Boden auf natürliche Weise zurück: Im Frühjahr, vor der Aussaat, wird Hühnertrockenkot ausgebracht. Im Herbst nach der Ernte folgt Kompost. „Besonders der Hühnertrockenkot ist ein sehr guter organischer Dünger. Er enthält Stickstoff, Phosphat und Kalium“, sagt Christiane und zitiert ihren Vater Steffen mit einem Schmunzeln: „Er sagt immer, Hühnertrockenkot hat besonders viel Wumms.“

Mit dem Spaten prüft Christiane Fuchs regelmäßig die Bodenstruktur auf ihren Feldern. Je nach Kultur wird der Boden unterschiedlich bearbeitet, um Bodenleben zu schonen und Pflanzen gezielt zu schützen.

Einmal jährlich (meistens im Januar oder Februar) kommen spezialisierte Firmen wie die Lufa beziehungsweise Bolap aus Speyer, um den Nährstoffgehalt der Böden exakt zu bestimmen. Die regelmäßigen Bestandskontrollen mit dem Spaten ergänzen die Laboranalysen. Boden, das wird schnell klar, ist für Familie Fuchs kein Acker-Rohstoff, er ist ihr wichtigstes Kapital.

Hightech auf dem Kartoffelfeld

Auf den insgesamt rund 35 Hektar Frühkartoffeln kommt ein Kartoffelroder der Marke AVR zum Einsatz, der von der Firma John Deere mit Wiegezellen ausgestattet wurde. Somit kann der Kartoffelertrag schlagspezifisch, also Quadratmeter für Quadratmeter ermittelt werden. „Durch diese Ertragskartierung wissen wir genau, an welchen Stellen im Feld mehr oder weniger geerntet wurde und können dementsprechend auch die Düngung anpassen und Betriebsmittel einsparen“, erklärt die Landwirtin. Was früher Bauchgefühl und Erfahrung war, ist heute datenbasierte Entscheidung.

10 Jahre AgrarScouts

Dialog lebt von Menschen

Als AgrarScout engagiert sich Christiane Fuchs für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Ihre Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.

Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.

Mehr zum Jubiläum

Beim Pflanzenschutz setzt die Familie auf Section Control (automatische Teilbreitenschaltung): Die GPS-gestützte Technologie, die bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln einzelne Teilbreiten oder sogar Einzeldüsen einer Feldspritze automatisch ein- und ausschaltet. Dies geschieht präzise am Vorgewende oder an Feldgrenzen, um Überlappungen oder Fehlstellen zu vermeiden. „Wir haben viele kleine Flächen. Mit bloßem Auge kann man überhaupt nicht erkennen, wo man schon gespritzt hat“, beschreibt Christiane das Problem, das die Technik löst. Vor allem dient diese Technik dem Umweltschutz, da vermieden wird, dass Pflanzenschutzmittel über die Zielfläche hinaus auf unbeteiligte Bereiche ausgebracht wird.

Dazu kommt eine Wetterstation, die auch Bodenfeuchtigkeitsdaten liefert. Sie zeigt an, wann der optimale Zeitpunkt zur Beregnung der Frühkartoffeln ist, und spart damit Diesel und Wasser. Das Wasser stammt aus eigenen Brunnen, 20 bis 50 Meter tief. Über Erdleitungen wird es unterirdisch zu den verschiedenen Flächen transportiert. Dafür werden Aggregate mit Diesel oder Heizöl in Gang gesetzt, welche Strom erzeugen und die Pumpen antreiben, die das Grundwasser an die Oberfläche befördern.

Politik und Landwirtschaft

Christiane Fuchs spricht offen über die Herausforderungen ihres Alltags und das ist auch die Agrarpolitik. Ein Beispiel: In der Vorderpfalz breitet sich die Schilf-Glasflügelzikaden aus, ein Schädling, der gefährliche bakterielle Krankheitserreger überträgt, die SBR (Syndrom der niedrigen Zuckergehalte) und Stolbur auslösen. Diese Krankheiten führen zu massiven Ernteausfällen bei den Landwirten, da sie Kartoffeln ungenießbar machen und den Zuckergehalt von Rüben reduzieren. Zudem ist sie als Überträger an Gemüse wie Rhabarber, Karotten, Rote Bete und Zwiebeln beteiligt. Die Folge: Kartoffeln werden schrumpelig, weich, unverkäuflich. „Sie sehen aus wie kleine, zerknautschte Gummibälle“, beschreibt sie die befallenen Knollen.

Das eigentliche Problem: Die Beize, mit der man früher Saatgut effektiv und nachhaltig schützen konnte, ist verboten worden. Das Bundesamt für Verbraucherschutz erteilt inzwischen in Ausnahmesituationen Notfallzulassungen für andere Mittel. Doch Christiane ist überzeugt, dass das keine echte und langfristige Lösung ist. Es muss etwas Gezieltes gegen diese Schilf-Glasflügelzikade her und am besten so schnell wie möglich, damit die Ausbreitung der Zikade eingedämmt werden kann.

Die Schilf-Glasflügelzikade breitet sich zunehmend in Kartoffel- und Gemüseanbaugebieten aus. Sie überträgt Krankheitserreger, die zu erheblichen Ernteausfällen führen können.

Sie hat das Thema nicht nur am eigenen Leib erfahren. Sie hat ihre Bachelorarbeit darüber geschrieben. Ihre Kritik ist daher fundiert, nicht emotional: „Wir haben mit dem Wegfall bestimmter Mittel nicht nur Ernteverluste. Wir verlieren auch unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt.“

Auch bestimmte Granulate, die beim Auspflanzen der Kartoffeln gegen die Drahtwürmer verwendet wurden, sind inzwischen verboten. Es gibt Produkte auf dem Markt, die gegen die Drahtwürmer helfen sollen, jedoch ist der Wirkungsgrad nicht dem Granulat namens „Goldor Bait“ von früher gleichzusetzen.

Zu den Themen wie Dieselpreissteigerungen, Düngeverordnungen, Pflanzenschutzmittelverbote, wird Christiane Fuchs regelmäßig von Lokalzeitungen, Fachmedien und Regionalfernsehsendern angefragt. Sie nutzt die Öffentlichkeit bewusst: Nicht um zu klagen, sondern um zu erklären.

Näher am Verbraucher

Der neu gebaute Selbstbedienungs-Hofladen ist ein Statement. Er liegt mitten auf dem Hof der Familie, direkt neben einer Straße, gut sichtbar. Kunden aus den Nachbardörfern und der näheren Umgebung kaufen hier Kartoffeln, Zwiebeln aber auch Tomaten, Gurken und Paprika aus dem eigenen Gewächshaus. Außerdem werden im Hofladen auch Erzeugnisse anderer Landwirte wie Erdbeeren, Spargel, Äpfel, Birnen, verschiedene Salate, Eier, Honig und Brotaufstriche verkauft.

„Immer öfter kommen jüngere Verbraucher“, beobachtet Christiane. Sie wählen ihre Ware aus, bezahlen an der SB-Kasse mit Karte, alles schnell, unkompliziert und modern. Mindestens 15-mal täglich schaut Christiane im Laden vorbei, um aufzufüllen oder Bestände zu checken. Dabei trifft sie jedes Mal Kunden. Und ist gerade niemand von der Familie im Laden, gehen die Kunden einfach über den Hof, um ihre Fragen zu stellen. Die Distanz zwischen Produzent und Konsument ist hier buchstäblich aufgehoben.

Auf Social Media baut Christiane diese Verbindung weiter aus. Rund 15.000 Follower folgen ihr, nicht wegen Hofromantik, sondern weil sie ehrlich zeigt, was Landwirtschaft heute bedeutet: kurze Nächte, technische Lösungen und der Stolz auf ein handwerklich-unternehmerisches Lebenswerk.

Schulklassen, Samstage und ein ganzer Vorbereitungstag

Ein besonderes Projekt zeigt, wie ernst Christiane Fuchs den Bildungsauftrag nimmt: Familie Fuchs wird oft von Schulen angefragt, um über die Landwirtschaft heute aufzuklären. Gerade das Thema Kartoffelanbau ist bei den jüngeren Grundschulklassen sehr gefragt. Woher sie kommen, wie sie gepflanzt, gepflegt und geerntet werden. Die Besuche werden akribisch vorbereitet, mit verschiedenen Kartoffelsorten und anschaulichen Materialien.

„Wir benötigen zwar viel Vorbereitungszeit“, sagt Christiane, „aber neulich kamen die Eltern auf zu uns und sagten: Auch wir haben heute etwas gelernt. Das motiviert und entschädigt für jede zusätzliche Arbeitszeit“, freut sie sich.

„Ich bin stolz, Landwirtin zu sein und möchte mit meinem Engagement die Wertschätzung der Verbraucher steigern“, sagt sie am Ende des Gesprächs. Es klingt nicht nach Pflichtbekenntnis, sondern nach jemandem, der weiß, warum er um drei Uhr morgens auf dem Feld steht.

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