Wer Jasper Pritschau nach der Zukunft der Schweinehaltung fragt, bekommt keine großen Worte zu hören, sondern Zahlen. Wie viele Tiere an die Vertragspartner jährlich geliefert werden müssen. Wie viel der Umbau von zwei Ställen kostet. Wie viel Zeit ein Mitarbeiter pro Tier aufwendet. Zahlen sind für den Landwirt aus Sülsdorf das, woran er sich festhält, wenn draußen der Markt schwankt und die internationale Konkurrenz billiger ist, weil Mitarbeiter weniger kosten und sie keine Haltungs-Standards beachten muss
Pritschaus Betrieb ist kein einzelner Hof, sondern ein Geflecht aus sieben Standorten und drei Familien: Westerrade, Strukdorf, Rösing und Bohnrade in Schleswig-Holstein, Maurinehof, Groß Siemz und Sülsdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Beteiligt sind die Familien von Jaspers Vater und seiner Mutter. In Westerrade führt Jaspers Bruder Tyll den Betrieb mit Sauenhaltung, Ferkelaufzucht, Schweinemast und Ackerbau. In Mecklenburg-Vorpommern sind Jasper sowie sein Onkel Klaus aktiv. Entschieden wird gemeinsam. Eine Kooperation, die über Ländergrenzen und Generationen hinweg funktioniert.
Ein Hof mit DDR-Vergangenheit
Ursprünglich wollte Jaspers Vater im schleswig-holsteinischen Westerrade neue Schweineställe bauen. Die Genehmigung dafür bekam er nicht. Also suchte er weiter östlich und fand 1996 in Mecklenburg-Vorpommern einen ehemaligen Hof mit alten DDR-Gebäuden. Er brachte die Anlage auf westdeutschen Standard: Zehnerbuchten, Vollspaltenböden, Platz für 3.000 Schweine, Flüssigfütterung. 2006 kam ein Ackerbaubetrieb in der Nachbarschaft hinzu, 2011 alte Rinderställe in Sülsdorf, die inzwischen zu Schweineställen der Haltungsform 3 umgebaut werden. Ein Stall ist bereits fertig und belegt, der andere folgt in Kürze.
Auch in Westerrade baut Bruder Tyll die Sauen- und Ferkelställe entsprechend um. Eigentlich läge es nahe, dass die Ferkel von dort weiter zu Jasper nach Sülsdorf kommen, nur 50 Kilometer trennen die Standorte. Aber eine Vorgabe im Vertrag mit dem Einzelhandelsunternehmen REWE regelt, dass die Ferkelherkunft, der Mastbetrieb, die Schlachtung, die Zerlegung und die Vermarktung in den neuen Bundesländern stattfinden muss.
Wenn der Stall mitdenkt
Was die neu umgebauten Ställe von den älteren unterscheidet, zeigt sich in den Details. Die Fütterungsanlage arbeitet als Trockenfütterung und stellt für jede Bucht eine bedarfsgerechte Futtermischung zusammen. Die Schweine entscheiden dabei selbst, wann sie fressen. Eine automatische Strohstreuanlage lässt mehrmals täglich Stroh in die Buchten rieseln und bedeckt die Betonböden. Die Tiere spielen darin und kauen darauf herum. Bewegliche Curtains an den Außenwänden öffnen und schließen sich je nach Wetterlage automatisch über ein Softwareprogramm, und in den Liegebereichen sorgt eine Fußbodenheizung für Wärme. 1.980 Plätze bietet diese neue Generation der Ställe.
In den älteren Anlagen, in denen aktuell rund 2.950 Schweine nach der Haltungsform 2 stehen, übernimmt eine klassische Belüftungsanlage die Luftführung. Dennoch kann Zugluft eindringen, was bei den Tieren Husten auslösen kann. Der Unterschied zeigt sich auch in der Arbeitsroutine: In den alten Ställen kontrollieren die Mitarbeiter zweimal täglich zur Fütterung, welches Tier eventuell nicht frisst. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass das Tier durchgecheckt werden muss. In dem Fall wird Fieber gemessen und geprüft, ob es lahmt oder eine ärztliche Behandlung benötigt.
In den neuen Ställen, in denen die Schweine fressen, wann sie wollen, reicht ein täglicher Kontrollgang. Dafür gehen die Mitarbeiter in jede Bucht und begutachten jedes Tier sorgfältig. Mehr Technik bedeutet hier nicht weniger Aufmerksamkeit, im Gegenteil. Jedes einzelne Tier erhält von den kontrollierenden Mitarbeitern maximale Aufmerksamkeit.
Zwischen Vertragssicherheit und offener Zukunft
Wirtschaftlich steht Jasper Pritschau auf einem Fundament, das für fünf Jahre trägt: Der Vertrag mit REWE Ost und Tönnies legt unter anderem fest, wie viele Tiere er jährlich liefern muss und unter welchen Bedingungen er sie zu halten hat. Was nach fünf Jahren passiert, weiß er nicht. Die Verkaufspreise schwanken stetig. Die meisten Verbraucher, die Fleisch essen, leisten sich nach seiner Beobachtung nur günstiges Fleisch. Wer nach höheren Haltungsstufen fragt, bleibt in der Minderheit. Aktuell durchläuft die Branche eine Tiefpreisphase.
Von ihren Eltern haben Jasper und sein Bruder Tyll eine Lehre mitbekommen, die sie seither begleitet: Die eigenen Zahlen im Griff zu haben. Den Markt können sie nicht beeinflussen, die Preise für importiertes Fleisch auch nicht, nur ihre eigene Kalkulation können sie hinterfragen und anpassen. Getragen wird das Ganze von der Überzeugung, dass weiterhin Fleisch gegessen wird, und von der Bereitschaft, dafür auch Risiken einzugehen. Wenn Jaspers Großvater mit Freunden zu Besuch kommt, hört er oft, wie mutig die Enkelgeneration sei. Mut allein reicht Jasper Pritschau allerdings nicht: Es müsse am Ende auch funktionieren.
Ein Vorteil, den er selbst benennt: Weil der Betrieb sein Futter selbst produziert, vieles in Eigenleistung erledigt und die biologischen Leistungen der Tiere gut sind, bleiben die Kosten überschaubar. Insgesamt beschäftigen die Betriebe 16 Mitarbeiter, die gezielt eingesetzt werden. In den kommenden Jahren könnte Jasper sich vorstellen, zusätzlich Reinigungsroboter anschaffen, um Arbeitsstunden einzusparen.
Zahlen, die eine Größenordnung zeigen
Das Ausmaß des örtlich aufgeteilten Betriebs wird an den Kennzahlen deutlich: 1.400 Hektar Ackerbau, rund ca. 6.850 Mastplätze für Schweine, 500 Sauen. Angebaut werden Wintergerste, Winterraps, Winterweizen, Körnermais, Zuckerrüben, Leguminosen und Sommergerste. Allein der aktuelle Stallumbau in Sülsdorf kostet rund zwei Millionen Euro, gefördert von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung und finanziert in dem Bewusstsein, dass nach Ablauf des Rewe-Vertrages in fünf Jahren niemand wirklich sagen kann, wie es weitergeht. Planungssicherheit gibt es kaum, dafür viel Bürokratie, die aus Sicht des Landwirts oft niemandem nützt. Ein Beispiel, das er selbst anführt: Beim Kauf von stickstoffhaltigen Düngemitteln muss er ein Formular ausfüllen und unterschreiben, dass er daraus keinen Sprengstoff herstellen wird.
Ein Wunsch an die Verbraucher
Am Ende des Gesprächs wird Jasper Pritschau grundsätzlich. Er wünscht sich, dass Lebensmittel bei den Verbrauchern wieder mehr Wertschätzung erfahren, anstatt jedes Jahr teure neue Technik wie Smartphones zu kaufen, ohne mit der Wimper zu zucken, während ein Euro mehr für Fleisch für Aufregung sorgt. Von der Politik erwartet er klare Richtungsvorgaben, damit bäuerliche Strukturen erhalten bleiben können, weniger Bürokratie und mehr Sicherheit für Betriebe, die, wie seiner gerade, in neue Ställe, neue Technik und eine ungewisse Zukunft investieren.
Die renovierten auf Haltungsform 3 zugeschnittenen Ställe in Sülsdorf sind kein fertiges Konzept. Sie bestehen aus kalkulierten Zahlen und der Überzeugung einer Familie, dass sich der Aufwand lohnt und der Mut nicht ausgeht.