Das F.R.A.N.Z.-Projekt hat Lösungen entwickelt, die wirtschaftlichen Ackerbau und Naturschutz effizient und nachhaltig miteinander verbinden. Über fast ein Jahrzehnt wurden auf zehn Demonstrationsbetrieben in ganz Deutschland unterschiedliche Biodiversitätsmaßnahmen wissenschaftlich erprobt, untersucht und dokumentiert. Ende 2026 wird das Projekt abgeschlossen. Von Blühstreifen über Feldlerchenfenstern bis zum Insektenwall: Drei Landwirte berichten, was auf ihren Feldern wirklich wirkt.
Schmetterlinge flattern durch den Blühstreifen, der wie eine bunte Oase mitten im Feld liegt. Während die Insekten im Blütenmeer nach Nektar suchen, steigt eine Feldlerche mit ihrem flirrenden Gesang aus dem Getreide auf. Landwirt Friedhelm Dickow aus Ruhsam in Niederbayern nimmt sich Zeit, um dieses Naturschauspiel zu beobachten. Das war nicht immer so. „Als ich in den 1980er Jahren den Hof von meinem Vater übernommen habe, wurden die Felder nach der Ernte oft vollständig abgeerntet und waren komplett frei von Bewuchs. Insekten und ihre ökologische Bedeutung spielten damals kaum eine Rolle“, erinnert sich der 65-Jährige.
„Der Austausch mit dem Forschungsteam ist mir sehr wichtig. Ich habe viel gelernt, vor allem wie stark schon kleine Maßnahmen die Artenvielfalt beeinflussen können“
Friedhelm Dieckow, Landwirt im F.R.A.N.Z. Projekt
Landwirte und Wissenschaftler arbeiten Hand in Hand
Rund 70 Hektar bewirtschaftet Dickow mit seinem Sohn Sebastian auf konventionelle Weise. Weizen, Gerste, Mais und Kleegras wachsen auf den Äckern. Außerdem werden auf dem Hof 120 Bullen gehalten sowie 1.600 Ferkel aufgezogen. Eine betriebsnahe Biogasanlage, an der Familie Dickow beteiligt ist, versorgt die Region mit Wärme und Ökostrom. Unter dem Projekt-Motto „Für Ressourcen, Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft“, kurz F.R.A.N.Z. genannt, setzt sich Friedhelm Dickow für mehr Vielfalt in der Agrarlandschaft ein. Er gehört zu den zehn Landwirten, die seit 2017 an der bundesweiten Forschungsinitiative teilnehmen. Das Besondere an dem Projekt: Ausgewählt von der Projektleitung der Umweltstiftung Michael Otto und dem Deutschen Bauernverband begleiten Experten des Michael Otto Institus im NABU (MOIN) sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Biodiversität und der Georg-August-Universität Göttingen die ökologische Forschungs-Arbeit auf den landwirtschaftlichen Betrieben.





Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung
Regelmäßig besucht ein Forschungsteam den Betrieb von Friedhelm Dickow und dokumentiert die Artenvielfalt auf den Feldern. Die Experten zählen u.a. Schmetterlinge, Wildbienen, Laufkäfer, Tagfalter, Hummeln, Schwebfliegen, Pflanzen und Vögel. Im Frühjahr wird außerdem die stetig wachsende Feldhasenpopulation erfasst. „Der Austausch mit dem Forschungsteam ist mir sehr wichtig. Ich habe viel gelernt, vor allem wie stark schon kleine Maßnahmen die Artenvielfalt beeinflussen können“, erklärt der Landwirt.
Zehn Prozent Agrarfläche für mehr Artenvielfalt
Voraussetzung für die F.R.A.N.Z.-Projektteilnahme war, dass die Demonstrationsbetriebe rund zehn Prozent ihrer intensiv genutzten Agrarflächen biodiversitätsfördernd gestalten. Dafür stehen 16 Maßnahmen zur Auswahl. Für Friedhelm Dickow zählen die Blühstreifen zu den erfolgreichsten Lösungen. „Auf unseren Flächen setzen wir auf mehrjährige Blühstreifen, die einen idealen Rückzugsort für Vögel und das Niederwild, wie beispielsweise Rebhühner oder Fasane, bieten“, betont der Landwirt. „Daneben haben wir einjährige, hochwüchsige Varianten gewählt, deren Aufwuchs wir gleichzeitig als Rohstoff für die Biogasanlage nutzen“, so Dickow weiter. Sogenannte Feldlerchenfenster, etwa 20 Quadratmeter große Freiflächen in den Getreidebeständen, ermöglichen den Vögeln den Zugang zu Nistplätzen. Außerdem wird auf dem Hof Extensiv-Getreide mit einem Gemisch aus unterschiedlichen Kleesorten angebaut. Der dichte Bewuchs reduziert den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmittel und fördert die Bodenfruchtbarkeit.
Tier- und Vogelarten kehren zurück
Die Veränderungen sind deutlich sichtbar: „Schmetterlinge gehörten schon immer zum Landschaftsbild in Ruhsam. Die Blühstreifen haben ihre Zahl und Artenvielfalt jedoch deutlich verbessert. Zwei Jahre nach Versuchsbeginn wurden sogar erstmals seltene Schillerfalter beobachtet“, so Dickow stolz. Der Schmetterling gilt in vielen Regionen Deutschlands als stark gefährdet und ist vielerorts vom Aussterben bedroht. Auch bei den Vögeln hat sich die Artenvielfalt erweitert. Baumpieper, Stieglitz oder der Waldlaubsänger kehrten zurück, alles Vogelarten, die es früher nicht mehr auf seinen Feldern gab. Selbst Feuersalamander und Eidechsen finden in den neu geschaffenen Biodiversitätsstrukturen einen Lebensraum. Auch Pflanzen wachsen in Hülle und Fülle: Über 290 Pflanzenarten wurden inzwischen auf dem Gelände gezählt.
Ohne Förderung kaum umsetzbar
Viele Berufskollegen sind von dem Projekt begeistert. Eine Umsetzung der Biodiversitätsmaßnahmen können sich die meisten von ihnen jedoch nicht leisten. „Ohne staatliche Förderung ist es wirtschaftlich kaum tragbar. Allein das Saatgut für einen Hektar Blühstreifen kostet rund 1.000 Euro“, erläutert der Landwirt. Von der Politik wünscht sich Dickow deshalb: „Den Landwirten sollte eine Auswahl bewährter Maßnahmen angeboten werden, die für jede Region koordiniert wird und für deren Umsetzung die landwirtschaftlichen Betriebe einen finanziellen Ausgleich erhalten.“ In verschiedenen Bundesländern konnte das F.R.A.N.Z. diese Übertragung in die Länderprogramme durch stetigen Austausch mit Politik und Verwaltung erwirken. In Bayern ist z.B. der Insektenwall in der Förderung angekommen.
Biodiversität auf 600 Hektar
Vom Erfolg des F.R.A.N.Z.-Projekts ist auch Landwirt Marco Gemballa überzeugt. Auf rund 600 Hektar bewirtschaftet er mit zwei Partnern einen konventionellen Ackerbaubetrieb mit Weizen, Raps, Zuckerrüben, Mais sowie Leguminosen wie Sojabohnen und Luzerne. Auf dem Demonstrationsbetrieb in Vorpommern, der aus einer ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) hervorgegangen ist, wurden in den letzten neun Jahren zahlreiche Biodiversitätsmaßnahmen getestet.
„Der Erhalt der Biodiversität ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Damit Landwirte Biodiversitätsmaßnahmen als eigenständigen Betriebszweig etablieren können, braucht die Landwirtschaft neue Finanzierungsmodelle, etwa über den Vertragsnaturschutz“
Marco Gemballa, Landwirt im F.R.A.N.Z. Projekt
Insektenwälle als Lebensraum
Besonders artenreich sind sogenannte Beetle Banks. Dabei handelt es sich um etwa 50 bis 70 Zentimeter hohen Erdwälle, die mit dem Pflug angelegt werden. „Sie sind je nach Lage zirka 200 bis 500 Meter lang“, berichtet Marco Gemballa. Die Beetle Banks dienen als Brut- und Rückzugsräume für verschiedene Insekten und dienen gleichzeitig als Nahrungsquelle für Feldvögel. Die positiven Effekte sind auch auf diesem Betrieb messbar: „Feldlerchen treten häufiger auf, ebenso wie Wildbienen, Schwebfliegen, Laufkäfer und Tagfalter. Dies gilt ebenfalls für die Pflanzenvielfalt, die deutlich zugenommen hat.“




Naturschutz geht alle an
Trotz der Erfolge sieht Gemballa eine große wirtschaftliche Hürde: „Die Märkte honorieren Biodiversitätsleistungen nicht.“ Ohne eine verlässliche finanzielle Förderung bleibe die Umsetzung für viele Landwirte nur Wunschdenken. „Der Erhalt der Biodiversität ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Damit Landwirte Biodiversitätsmaßnahmen als eigenständigen Betriebszweig etablieren können, braucht die Landwirtschaft neue Finanzierungsmodelle, etwa über den Vertragsnaturschutz“, so der Landwirt. Nur wenn Naturschutzleistungen angemessen vergütet werden, lassen sie sich dauerhaft in die Betriebsführung integrieren“, appelliert der Landwirt. In Mecklenburg-Vorpommern wird z.B. die F.R.A.N.Z.-Maßnahme Extensivgetreide als „Getreide mit doppelten Reihenabstand“ per AUKM gefördert.
600 Jahre Hofgeschichte mit Zukunft
Dass Artenvielfalt und moderne Landwirtschaft vereinbar sind, zeigt ebenfalls Jochen Hartmann aus Rettmer bei Lüneburg. Der 45-jährige Landwirtschaftsmeister führt den Familienbetrieb in der 19. Generation. Auf rund 200 Hektar baut er Kartoffeln, Zuckerrüben, Getreide und Raps an. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er zudem einen Hofladen und mobile Hühnerställe in einem eigens dafür angelegten Agroforstsystem, dem „Hühnerwald“. „Jede Generation hatte ihre eigenen Herausforderungen“, sagt Hartmann. „Wenn ich in unser über 600 Jahre altes Hofbuch schaue, möchte ich mit keiner früheren Genration tauschen. Heute haben wir so viel Wissen wie nie zuvor. Deshalb blicke ich als Landwirt positiv in die Zukunft.“
„Das F.R.A.N.Z.-Projekt hat mir gezeigt, dass wir in der Landwirtschaft neue Wege für die Artenvielfalt brauchen und dass diese auch erfolgreich umsetzbar sind.“
Jochen Hartmann, Landwirt im F.R.A.N.Z. Projekt
Blühstreifen als Erfolgsmodell
Seit Beginn des F.R.A.N.Z.-Projekts setzt Hartmann auf zahlreiche Maßnahmen. Neun Lösungen hat Jochen Hartmann inzwischen erprobt. Besonders die mehrjährigen Blühstreifen haben ihn überzeugt: „Früher hatte ich Sorge, dass sich Unkräuter ausbreiten könnten. Heute weiß ich, dass wir dies in den Griff bekommen. Deshalb habe ich die Blühstreifen mitten in die Schläge integriert“, berichtet er.
Überraschende Effekte im Anbau
Die Wirkung der Maßnahmen zeigt sich deutlich auf den Flächen. Während zu Projektbeginn lediglich ein Rebhuhnpaar auf den Feldern beobachtet wurde, können inzwischen mehrere Rebhuhnketten mit Jungvögeln nachgewiesen werden. Auch Fasane, Feldhasen und Feldlerchen profitieren spürbar von den neuen Lebensräumen. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler überraschen Jochen Hartmann immer wieder. „Beim Weizen habe ich festgestellt, dass die Körner schwerer und ertragreicher sind, wenn daneben ein Blühstreifen liegt. Ob das an den ätherischen Ölen der Kräuter liegt, die wie eine Art Biostimulanz wirken, oder daran, dass dort mehr Insekten unterwegs sind, dafür gibt es noch keine Antwort“, so Hartmann.







Blick nach vorn
Wenn das F.R.A.N.Z.-Projekt 2026 endet, zieht Hartmann eine positive Bilanz. Die vielen Beobachtungen auf seinen Feldern haben ihn in seiner Überzeugung bestärkt, dass Landwirtschaft und Artenvielfalt gemeinsam funktionieren können. „Das F.R.A.N.Z.-Projekt hat mir gezeigt, dass wir in der Landwirtschaft neue Wege für die Artenvielfalt brauchen und dass diese auch erfolgreich umsetzbar sind.“ Die kommenden Jahre will Jochen Hartmann deshalb genauso angehen wie die vergangenen: offen für Veränderungen und mit Verantwortung für die kommenden Generationen.
Das Projekt wird ressortübergreifend unterstützt. Die Förderung erfolgt mit Mitteln der Landwirtschaftlichen Rentenbank, mit besonderer Unterstützung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sowie durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
Häufige Fragen
Was ist das F.R.A.N.Z.-Projekt?
Das F.R.A.N.Z.-Projekt erforscht, wie sich Artenvielfalt und moderne Landwirtschaft besser miteinander verbinden lassen. Dafür testen Landwirt und Wissenschaftler gemeinsam verschiedene Naturschutzmaßnahmen auf landwirtschaftlichen Betrieben.
Welche Maßnahmen fördern die Artenvielfalt auf Feldern?
Zu den erfolgreich erprobten Maßnahmen gehören Blühstreifen, Feldlerchenfenster, Extensivgetreide und sogenannte Insektenwälle. Sie schaffen Nahrung, Schutz und Brutplätze für viele Tierarten.
Warum brauchen Biodiversitätsmaßnahmen Förderungen?
Viele Maßnahmen verursachen zusätzliche Kosten oder reduzieren die nutzbare Anbaufläche. Förderprogramme helfen dabei, den wirtschaftlichen Aufwand auszugleichen.