Was haben das Gymnasium und der Benediktushof in Maria Veen, das Seniorenwohnheim St. Ludgerus und das Frei- und Hallenbad Reken gemeinsam? Alle großen städtischen Einrichtungen werden mit Öko-Wärme der Benning Agrar-Energie GmbH versorgt sowie rund 50 weitere Gebäude, darunter auch viele Privathäuser
In der Gemeinde Reken fahren seit ein paar Wochen Bagger durch die Straßen. Gerade werden unter die Bahntrassen Stahlrohre gerammt und Leitungen für ein neues Nahwärmenetz im so genannten Spülbohrverfahren eingeschoben. Parallel dazu werden Kabel für die Bereitstellung gesicherter Leistung für bis zu 15.000 Bürgerinnen und Bürger verlegt. Bis zum Sommer sollen die neuen Infrastrukturen fertiggestellt sein, sodass die von der Benning Agrar-Energie GmbH produzierte Öko-Wärme und der Öko-Strom ab diesem Winter 2026 durch die Leitungen fließen können und die Gemeinde noch unabhängiger von internationalen Erdgas- oder Heizöllieferungen wird.
„Ich fühle mich inzwischen mehr wie ein Energiewirt.“
Landwirt Hermann Benning
Seit Anfang 2000 beschäftigt sich die Landwirtsfamilie Benning aus dem Münsterland mit dem Thema erneuerbare Energien. Mittlerweile können Kundinnen und Kunden in deren „Hofladen“ in Reken-Hülsten zwischen Wärme und Strom aus Windkraft, Sonnenenergie, Biogas oder einer Holzhackschnitzelanlage wählen. Und bald sollen neben dem Bau weiterer dezentraler Blockheizkraftwerke auch noch Wärmepumpen hinzukommen. Rund sieben Millionen Kilowattstunden an Öko-Wärme produziert die Landwirtsfamilie aktuell jährlich mit ihren Anlagen, dies entspricht dem Jahresbedarf von circa 400 Privathäusern. Würde der Bedarf jährlich mit fossilen Brennstoffen gedeckt werden, wäre die Summe vergleichbar mit dem Verbrauch von 700.000 Litern Heizöl. Hinzu kommen pro Jahr rund zehn Millionen Kilowattstunden Strom, was dem Bedarf von ca. 5000 Haushalten entspricht.

Wie viel Energie liefert Landwirtschaft für Nahwärme?
Ein landwirtschaftlicher Betrieb wie Benning kann genug Energie erzeugen, um mehrere tausend Haushalte mit Strom und Wärme zu versorgen.
- 7 Millionen kWh Wärme pro Jahr → für ca. 400 Häuser
- 10 Millionen kWh Strom → für rund 5.000 Haushalte
- Einsparung: vergleichbar mit 700.000 Litern Heizöl jährlich
Vom Landwirt zum Energiewirt
Noch Ende der Neunziger Jahre gehörte ein Schweinemastbetrieb mit 800 Tieren zum Benninger Hof. Dazu rund 70 Hektar Ackerflächen. „Die Schweine haben wir 2010 abgeschafft. Das Ackerland bewirtschaften wir weiterhin“, erklärt Hermann Benning. Der Sohn der Familie ist vor allem für das Energieunternehmen Benning Agrar-Energie verantwortlich. „Auf den 70 Hektar Ackerflächen bauen wir heute Spinat für Iglo an, Mais für die Biogasanlage sowie Getreide. Um eine Abwechslung in der Fruchtfolge auf unseren Feldern zu gewährleisten, tauschen wir regelmäßig unsere Flächen mit anderen Landwirten, die dann auf unseren Flächen zum Beispiel Kartoffeln anbauen.“
Die Landwirtschaft sei noch immer ein wichtiger Baustein des wirtschaftlichen Betriebs-Konzepts, aber so Benning Junior: „Ich fühle mich inzwischen mehr wie ein Energiewirt.“ Dabei blickt die Familie auf eine über 200 Jahre alte landwirtschaftliche Historie zurück. „Ich habe mindestens fünf Vorfahren, die auch Hermann hießen“, erzählt der junge Energiedienstleister lachend. So trifft bei den Bennings Tradition auf Moderne.

Was macht Biogas so besonders?
Biogas ist speicherbar und liefert Energie, wenn Sonne und Wind fehlen.
Das bedeutet: Auch im Winter oder bei Flaute bleibt die Versorgung stabil. Über ein eigenes Mikrogasnetz gelangt das Gas zu Blockheizkraftwerken, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen.
2004 bauten Hermann Bennings Eltern Hermann-Josef und Ulrike die erste Biogasanlage, die sie unter anderem auch mit der Gülle und dem Mist umliegender Bauernhöfe speiste. 2008 entstanden die ersten externen Blockheizkraftwerke (BHKW). Das sind Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die sowohl Strom als auch Heizwärme herstellen. Die BHKWs der Bennings werden mit Biogas betrieben, welches durch ein sogenanntes Mikrogasnetz aus der Biogasanlage zu den verschiedenen Standorten geleitet wird. Der große Vorteil von Biogas: Es ist speicherbar und wird somit nur zur Strom- und Wärmeproduktion eingesetzt, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht. „Gerade der aktuelle Nahostkonflikt macht deutlich, wie fragil die Energiepreise in Deutschland sind“, macht der studierte Agrarwissenschaftler deutlich. „Wir dagegen bieten unseren Kunden stabile Preise an für einhundertprozentige erneuerbare Energie, die mit Biomasse aus der Region erzeugt wurde.“
Ein weiterer Schritt, den die Bennings gerade gehen „Wir bauen ein neues Biomethanspeicherkraftwerk mit Wärmenetz im Ortsteil Maria Veen. Es erzeugt flexibel Strom und Wärme. Darüber hinaus haben wir uns mit sechs anderen Biogasanlagenbetreibern zusammengeschlossen und beteiligen uns an einer Biogasaufbereitungsanlage. Diese bereitet das Biogas zu Biomethan auf, sodass dieses in das Erdgasnetz eingespeist werden kann.“ Zur Erklärung: Das Gas ist dann chemisch gleichsetzbar mit Erdgas. „Der Bedarf nach Biomethan wird weiter steigen“, prognostiziert Benning. Schon jetzt ist sicher: Seine Familie macht sich mit der Produktion von Biomethan noch unabhängiger von bestehenden politischen Rahmenbedingungen und wird auch in Zukunft weitere Wärmenetze bauen, um die Gemeinde Reken im westlichen Münsterland von externen und fossilen Energielieferungen unabhängig zu machen.
Was du über Nahwärme wissen solltest
Was ist Nahwärme aus der Landwirtschaft?
Nahwärme aus der Landwirtschaft bezeichnet die Versorgung von Gebäuden mit Wärme, die aus landwirtschaftlich erzeugter Energie – etwa Biogas oder Holz – stammt und über ein lokales Leitungsnetz verteilt wird.
Wie wird die Wärme erzeugt?
Die Wärme entsteht meist in Biogasanlagen oder Blockheizkraftwerken. Dort werden organische Stoffe wie Energiepflanzen oder Reststoffe vergoren, das entstehende Gas wird zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt.
Wie gelangt die Wärme zu den Gebäuden?
Die erzeugte Wärme wird über ein unterirdisches, gut isoliertes Rohrleitungssystem – das Nahwärmenetz – zu den angeschlossenen Gebäuden transportiert.
Welche Rolle spielt Biogas dabei?
Biogas ist ein zentraler Energieträger, weil es speicherbar ist und unabhängig von Wetterbedingungen zur Energieerzeugung eingesetzt werden kann.
Welche Vorteile und Grenzen hat dieses System?
Ein Vorteil ist die Nutzung regionaler Ressourcen und die geringere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Einschränkungen können sich aus dem Ausbauaufwand der Infrastruktur und der regionalen Verfügbarkeit geeigneter Rohstoffe ergeben.