Anna-Lena Kaumkötter ist Herdenmanagerin und für das Wohl von 600 Milchkühen verantwortlich. Die studierte Agrarwissenschaftlerin nennt die meisten Tiere beim Namen und kennt deren körperlichen und mentalen Stärken und Schwächen. Sie weiß, wie Zucht für eine bessere Gesundheit sorgen kann und welche Kuhrasse die Diva unter den Kühen ist
Wenn die junge Herdenmanagerin morgens um 5.30 Uhr in Gummistiefeln und Arbeitshose in den Kuhstall kommt, wartet Mucki bereits auf Anna-Lena Kaumkötter. Die schwarz-weiße Milchkuh, die zur Rasse der Holstein-Friesian, gehört, wurde als Frühchen geboren und erhielt entsprechend viel Zuwendung von der Herdenmanagerin. Seit ihrer Geburt gehört die Kuh zu Anna-Lenas Lieblingen: Mucki erwidert diese Gefühle. Sowie sie Anna-Lena sieht, will sie schmusen und gestreichelt werden.
Daten, Futter, Fruchtbarkeit
Längst sind die Zeiten vorbei, in denen bei Kühen der Fokus nur darauf lag, dass sie maximal viel Milch erzeugen. Heute steht ihr Wohlbefinden im Vordergrund. Jeden Tag sammeln Sensoren unzählige Daten von jedem einzelnen Tier. Neben dem Kau-, Futter- und Bewegungsverhalten oder den Inhaltsstoffen ihrer Milch geben die Informationen beispielsweise Auskunft über den Zustand ihrer Euter und Klauen. Körperteile, die bei Kühen besonders anfällig für Entzündungen sind.
„Für mich ist eine Kuh nicht bloß eine von vielen, sondern ein echtes Individuum“
Täglich klickt sich Anna-Lena Kaumkötter durch die Daten und checkt, ob eine Kuh Auffälligkeiten zeigt, untersucht und behandelt werden muss oder Impfungen notwendig sind. Die Herdenmanagerin prüft auch, ob die Futterration zur Herde passt oder diese neu berechnet und angepasst werden muss oder ob eine Kuh ihre fruchtbaren Tage hat und somit besamt werden kann oder wenn sie bereits besamt wurde, wann ihre Kalbung bevorsteht.





Acht Wochen vor der Kalbung wird die Kuh in den „Mutterschutz“ geschickt. Sie wird trockengestellt und in der Herde der Trockensteher untergebracht, die eine angepasste Futterration bekommen und nicht mehr gemolken werden. So kann sich die Kuh voll und ganz auf ihr Kalb konzentrieren.
Tinder für Rinder – Moderne Zucht und ihre Ziele
„Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie ein Kalb gebären. Theoretisch ist sie jedes Jahr besamungsfähig“, erklärt die Herdenmanagerin.
Um den passenden Bullen zu finden, prüft die Herdenmanagerin aus Niedersachsen das genetische Profil einer Kuh. Diese auf der DNA des Tieres basierenden Informationen sind in einzelne Punkte wie Körperbau (Exterieur), Gesundheit, Milchleistung, Fitness und Effizenz unterteilt. Dabei werden auch die Schwächen und Stärken eines Tieres deutlich. Diese gilt es, bei der Zucht auszugleichen.
Informationen über Bullen sind in einem so genannten Bullenkatalog zusammengefasst. „Das ist wie Tinder für Rinder“, erläutert die Agrarwissenschaftlerin, die seit drei Jahren als Herdenmanagerin tätig ist. „Durch die richtige Wahl von Kuh und Bulle lassen sich die Weitergabe von Erbkrankheiten vermeiden und körperliche und mentale Schwächen ausgleichen.“ Früher habe man nur Kühe zur Besamung ausgewählt, die die meiste Milch gaben und die stärksten Bullen. „Das ist lange vorbei. Heute geht es darum, dass Kühe fit und gesund sind und im Alltag zurechtkommen, sich gut bewegen können und ausgezeichnete Futterverwerter sind. Bei der Zucht geht es primär darum, die Langlebigkeit der Tiere zu steigern“, sagt die Herdenmanagerin.
Kühe sind Individuen und lieben die Routine
Die Besamung der Kühe findet hauptsächlich künstlich statt. Kranke und ältere Kühe werden nicht besamt. „Es ist wirklich faszinierend, wie individuell jedes Tier ist. Und genau das berücksichtigen wir bei der Zucht. Für mich ist damit eine Kuh nicht bloß eine von vielen, sondern ein echtes Individuum“, sagt Anna-Lena Kaumkötter.
Die Herdenmanagerin ist davon überzeugt, dass zukünftig noch mehr Daten über jedes Tier gesammelt, ausgewertet und verglichen werden können. „Man wird mehr und mehr Zusammenhänge erkennen und vielleicht sogar mithilfe der Zucht Kühe gegen Hitzeanfälligkeiten schützen können, oder zum Beispiel einen Zusammenhang zu Zwillingsgeburten erkennen, die körperlich sehr belastend für eine Kuh sind.“

Auch in seinem Verhalten ist jedes Tier anders. „Es gibt die treuen Kühe, Kühe, die einen anstupsen, wenn sie gestreichelt werden möchten. Es gibt die schüchternen und die vorlauten“, beschreibt Anna-Lena Kaumkötter. Nur in einem sind sie alle gleich: „Kühe lieben die Routine. Am liebsten sollte jeder Tag gleich ablaufen. Sie haben zum Beispiel ihre Stammplätze in dem Melkstand. Wenn sie diese nicht erhalten, werden sie dickköpfig“, sagt die Herdenmanagerin und schmunzelt.
Bevorzugte Kuhrassen in Deutschland
Rund 40 anerkannte Rinderrassen werden in Deutschland gehalten. Über 60 Prozent davon sind Holstein Friesian. Sie gehören zu den leistungsstärksten Milchproduzentinnen und sind hauptsächlich in Norddeutschland angesiedelt, wo es große Betriebe gibt.
In Bayern dagegen dominieren die Fleckviehrinder. Sie machen 25 Prozent aus. Hinzu kommen rund fünf Prozent Braunvieh. „Das sind sehr robuste Tiere, die gut im Gebirge und an Berghängen zurechtkommen. Da die Bauernhöfe in Süddeutschland in der Regel viel kleiner sind, haben diese Tiere eine Doppelfunktion. Sie werden für die Milch- und Fleischproduktion gehalten“, erklärt die gebürtige Mellerin.
Die restlichen Prozent sind Rassen wie Angus, Blauweiße Belgier, Galloway oder Limousin. „Eine besonders fett- und eiweißhaltige Milch liefern Jersey Kühe“, erläutert Anna-Lena Kaumkötter. „Sie sind klein und wendig, mogeln sich überall durch und sind vielfach auch die Chefinnen in den Ställen“, sagt sie und lacht. „Wir haben keine im Stall und vermissen sie auch nicht“, schließt sie ihren Exkurs in die Welt der Kühe und moderne Rinderzucht ab, wo Herdenmanagerinnen häufig anzutreffen sind.
„Es heißt, dass Frauen sehr strukturiert und sehr genau vorgehen.“ Wenn sie in der Stadt jemanden trifft, der nach ihrem Beruf fragt, müsse sie allerdings immer genau erklären, was und wen sie eigentlich managt…