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Futurium Thementalk

Mythen im Faktencheck: Was stimmt wirklich über Bio, Fleisch, Regionalität & Nachhaltigkeit?
Früher nicht automatisch besser Frühere Landwirtschaft war weniger effizient und brauchte mehr Fläche – mit Folgen für Natur und Ernährungssicherheit.
Technologie spart Ressourcen Digitale Tools helfen, Dünger und Pflanzenschutz gezielt einzusetzen und Tiere besser zu versorgen.
Ernährung macht den Unterschied Weniger tierische Produkte und bewusste Auswahl haben großen Einfluss auf Klima und Umwelt.

War früher wirklich alles besser? War die Landwirtschaft früher nachhaltiger? Sind Nutztiere echte „Klimakiller“? Und ist Bio automatisch die bessere Wahl? Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie unsere Ernährung. Zwischen Tofu-Debatten, Tierwohl-Labels und Regionalitäts-Versprechen prallen Überzeugungen aufeinander – oft gestützt auf Halbwissen, manchmal auf Fakten. Im Futurium wurde genau darüber diskutiert: Was stimmt – und was nicht? Gemeinsam mit Landwirt:innen, Wissenschaft und einer repräsentativen Umfrage unter 2.500 Menschen wurden gängige Thesen zur Landwirtschaft auf den Prüfstand gestellt. Die Ergebnisse zeigen: Die Realität ist komplexer, als viele denken.

War Landwirtschaft früher nachhaltiger?

Die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ ist groß. Bilder aus Kinderbüchern zeigen kleine Höfe, bunte Felder und glückliche Tiere. Doch Professor Harald Grethe ordnet ein: „In ihrer Pauschalität würde ich diese These ablehnen. Es ist nicht so, dass Landwirtschaft früher grundsätzlich nachhaltiger war.“
Tatsächlich waren Erträge früher deutlich geringer. Um die Bevölkerung zu ernähren, wurden große Waldflächen gerodet. Hungersnöte durch Schädlingsbefall oder Missernten waren keine Seltenheit. Effizienzsteigerungen durch Züchtung, Technik und moderne Verfahren haben dazu beigetragen, dass heute weniger Menschen mehr Lebensmittel produzieren – und Haushalte einen geringeren Anteil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen.

Gleichzeitig ging Strukturvielfalt verloren: größere Felder, weniger Hecken, weniger Lebensräume für Insekten. „Manches ist verloren gegangen“, so Grethe, „aber wir können Biodiversität zurückholen – mit moderner Technik und den richtigen politischen Anreizen.“ Landwirtin Gesa Langenberg ergänzt: „Effizienz klingt technisch, ist aber zentral. Weniger Ressourcen einsetzen und trotzdem ausreichend produzieren – das gehört für mich zur Nachhaltigkeit.“

Wie hilft Technologie der Umwelt?

Moderne Landwirtschaft ist digitaler, als viele vermuten. Auf dem Acker kommen Drohnen und sogenannte Spot-Spraying-Systeme zum Einsatz, die Pflanzenschutzmittel punktgenau ausbringen. „Früher wurde großflächig gespritzt, heute können wir gezielt einzelne Pflanzen behandeln“, erklärt Landwirt Friedrich Dieckmann. Das spart Mittel, Geld und schont Umweltressourcen.
Auch im Stall hilft Technik: Kamerasysteme erkennen Husten bei Schweinen früher als das menschliche Auge. Getrennte Gülleführung reduziert Ammoniak-Emissionen. „Die Daten helfen uns, bessere Entscheidungen zu treffen“, sagt Gesa Langenberg. „Das verbessert die Tiergesundheit.“ Technologie ersetzt dabei nicht das Know-how – sie ergänzt es.

Sind Nutztiere Klimakiller?

Rund 15 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen stammen aus der Nutztierhaltung. Das ist relevant – aber die Debatte greift oft zu kurz. „Killer ist ein starkes Wort“, sagt Gesa Langenberg. Sie verweist auf Kreisläufe: Nutztiere verwerten Nebenprodukte, die für Menschen nicht essbar sind – etwa Stroh oder Reste aus der Lebensmittelproduktion. Außerdem liefern sie organischen Dünger, der mineralischen Dünger ersetzt.
Gleichzeitig macht Professor Grethe deutlich: „Wir konsumieren im Durchschnitt zu viele tierische Produkte.“ Drei Viertel der landwirtschaftlichen Emissionen in Deutschland hängen mit Tierhaltung zusammen. Weniger Konsum würde Emissionen senken – ohne Tierhaltung komplett abzuschaffen. Es geht also nicht um Schwarz oder Weiß, sondern um Maß und Effizienz.

Ist Bio automatisch besser?

Über die Hälfte der Befragten glaubt: Der biologischen Landwirtschaft gehört die Zukunft. Doch auch hier ist die Realität differenzierter. Bio verzichtet auf synthetische Pflanzenschutzmittel und Dünger. Das schont Umwelt und Gewässer. Allerdings sind die Erträge meist geringer – es wird mehr Fläche benötigt.

Friedrich Dieckmann bringt eine weitere Perspektive ein: regenerative Landwirtschaft. Dabei steht der Boden im Mittelpunkt. Weniger Pflügen, mehr Zwischenfrüchte, dauerhafte Bodenbedeckung – das soll Humus aufbauen und CO₂ im Boden binden. „Wir dürfen den Boden nicht zerstören. Er ist unsere wichtigste Ressource.“
Professor Grethe ergänzt: „Den Prinzipien des ökologischen Landbaus gehört die Zukunft – etwa dem Schließen von Nährstoffkreisläufen.“ Doch das bedeutet nicht zwingend ein Entweder- oder zwischen Bio und konventionell. Viele Ansätze fließen längst ineinander.

Pflanzenschutz: Vertrauen oder Kontrolle?

Knapp die Hälfte der Befragten vertraut darauf, dass Landwirt:innen nur so viele Pflanzenschutzmittel einsetzen wie nötig. Gleichzeitig bleibt ein spürbares Misstrauen. Friedrich Dieckmann betont: „Pflanzenschutzmittel sind teuer. Niemand setzt mehr ein als nötig.“ Zudem gibt es strenge Zulassungsverfahren, Dokumentationspflichten und regelmäßige Schulungen. Professor Grethe sieht es differenziert: Landwirte handeln ökonomisch rational – aber Umweltkosten tragen oft nicht sie allein. Deshalb brauche es politische Rahmenbedingungen, die Risiken begrenzen und Anreize für Reduktion setzen.

Ist regional gleich nachhaltig?

75 Prozent der Befragten glauben: Wer regional kauft, handelt automatisch umweltfreundlicher. Ganz so einfach ist es nicht. Transportemissionen machen bei vielen Lebensmitteln nur einen kleinen Teil der Gesamtbilanz aus. Entscheidend ist oft die Produktionsweise. „Saisonal wäre treffender als nur regional“, sagt Friedrich Dieckmann.
Professor Grethe rät zu einer Faustregel: Flugware möglichst vermeiden. Gleichzeitig stärkt Regionalität lokale Wertschöpfung und schafft Transparenz – Faktoren, die über reine CO₂-Bilanzen hinausgehen.

Tofu oder Fleisch – was ist besser?

Überraschend viele Befragte meinten, Tofu sei genauso klimaschädlich wie Fleisch. Das stimmt so nicht. Pflanzliche Lebensmittel verursachen in der Regel deutlich weniger Emissionen als tierische – selbst wenn man Transportwege berücksichtigt. „Selbst wenn es dieselbe Sojabohne wäre – direkt gegessen ist sie effizienter als durch den Tiermagen“, erklärt Grethe. Gleichzeitig wird Soja zunehmend in Europa angebaut. Die pauschale Gleichsetzung von Tofu und Regenwaldabholzung greift zu kurz.

Bürokratie, Handel und Zukunftsperspektiven

Ein weiteres Thema: Bürokratie. Dokumentationspflichten nehmen viel Zeit in Anspruch. Digitale Systeme helfen, dennoch wünschen sich die Praktiker weniger Papierkram und mehr stichprobenartige Kontrollen statt Dauererfassung. Beim Thema internationale Handelsabkommen plädiert Professor Grethe für eine nüchterne Betrachtung: Landwirtschaft ist Teil größerer geopolitischer Zusammenhänge. Gleichzeitig müsse Nachhaltigkeit fair vergütet werden – etwa durch Bezahlung von Tierwohl oder Umweltleistungen.

Fazit: Weniger schwarz-weiß, mehr Differenzierung

Die Diskussion zeigt: Landwirtschaft ist weder nostalgisches Idyll noch Klimakatastrophe per se. Sie ist ein System voller Zielkonflikte – zwischen Effizienz und Biodiversität, Tierwohl und Preis, Regionalität und globalem Handel.
Was sich durchzieht: Pauschale Urteile helfen nicht weiter. Weder „früher war alles besser“ noch „Bio ist die einzige Lösung“ noch „Tofu zerstört den Regenwald“ halten einer differenzierten Betrachtung stand.
Für Verbraucher:innen bedeutet das: Informierte Entscheidungen sind wichtiger als schnelle Schlagworte. Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht „Stimmt’s oder stimmt’s nicht?“, sondern: Welche Landwirtschaft wollen wir – und was sind wir bereit, dafür zu tun?

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