Was bedeutet es für unser Leben, wenn die Artenvielfalt ausstirbt?
Sie ist das Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis: Seit vier Jahren ist Agrarökologin Charlotte Peitz Teil der Begleitforschung für das F.R.A.N.Z.-Projekt. Die Mitarbeiterin des Thünen Instituts für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen koordiniert, plant und berät zehn landwirtschaftliche Demonstrationsbetriebe, die zehn Jahre lang praxistaugliche Naturschutzmaßnahmen testen. Diese sollen dafür sorgen, Artenvielfalt zu steigern und Verbesserungen in der Förderung bewährter Maßnahmen zu erreichen.
„Wir brauchen motivierte Landwirte, die verstehen, dass Biodiversitätsschutz eine wichtige Leistung für die Gesellschaft ist.“
Charlotte Peitz, Thünen Institut
Wie artenvielfältig ist Deutschland heute noch?
Um die Artenvielfalt in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Über 50 Prozent der Lebensräume wie Moore oder besonders Grünland, von denen die Wildtierarten oder -Pflanzen abhängen, weisen ungünstige Bedingungen auf. Dadurch sind ein Drittel aller Arten gefährdet beziehungsweise schon ausgestorben. Das heißt Reptilien, Amphibien, Insekten, oder Vögel weisen einen starken Rückgang auf. Seit Anfang der 90er Jahre hat die Biomasse an flugfähigen Insekten laut der Krefelder Studie sogar bis zu 82 Prozent abgenommen. Das wiederum hat Auswirkungen auf den Feldvogelbestand, der massiv von ihnen abhängig ist und um 40 Prozent zurückgegangen ist.

Agrarökologin Charlotte Peitz begleitet das F.R.A.N.Z.-Projekt seit vier Jahren. Gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben untersucht sie, welche Maßnahmen die Artenvielfalt nachhaltig stärken.
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Foto: David Benzin (Bauernverband Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems e.V. )
Gibt es auch positive Meldungen?
Ja, einzelne Arten wie die Grauammer konnten durch eine agrarpolitische Bemühung wirkungsvoll stabilisiert werden. Es wurden nämlich die Anzahl an Brachflächen erhöht, was sich als sehr sinnvoll herausstellte.
Können Sie noch mehr erfolgreiche Maßnahmen beschreiben?
Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen zwei Typen von Maßnahmen. Zum einen gibt es Brache Maßnahmen, also meist mehrjährige Stilllegungen, mit denen man Rückzugsräume für Tiere schafft wie Blühstreifen oder Insektenwälle. Diese sind übrigens besonders wirkungsvoll.
Zum anderen sind produktionsintegrierte Maßnahmen sehr effektiv. Ein Beispiel dafür ist extensiver Getreideanbau. Das bedeutet, dass man weniger Dünger oder chemische Pflanzenschutzmittel einsetzt, dafür aber den Reihenabstand vergrößert, um den Lichteinfall zu erhöhen. Das bietet Platz für Ackerwildkräuter, die Insekten und Vögeln als Nahrungsquelle und Lebensraum dienen. Außerdem schaffen diese Maßnahmen kleinteiligere Strukturen in der Landschaft. Das können zum Beispiel Acker mit Feldvogelstreifen sein. Das Ziel dabei ist, verschiedene Strukturen und ökologische Funktionen auf einem Feld zu integrieren.

Was würde passieren, wenn wir einfach weitermachen wie bisher? Welche Folgen hätte das für Ökosysteme und die Landwirtschaft?
Das würde zu einer Abwärtsspirale führen. Wenn etwas im Ökosystem entfällt, ist das ganze System brüchig. Dann leidet die Reinigung des Grundwassers, die Bestäubung, der natürliche Pflanzenschutz durch zum Beispiel Marienkäferlarven. Technisch ist das nicht abzufedern und wäre am Ende sehr kostenintensiv.
Frau Professorin Dr. Katrin Bönning-Gaese hat es auf den Punkt gebracht. Sie sagt, das Klima entscheidet, wie wir leben. Der Artenschwund entscheidet, ob wir leben. Das heißt, wir wissen nicht, was durch den Artenrückgang tatsächlich passieren wird.
Welche Rolle beim Erhalt der Artenvielfalt spielt die Landwirtschaft?
Die Landwirtschaft stellt eine massive Stellschraube dar. Wir brauchen Landbewirtschaftung, denn es gibt auch beispielsweise viele Arten (Pflanzen, Insekten, Vögel), die Beweidung oder Bodenbearbeitung zum Leben und Überleben benötigen. Um konstruktive Maßnahmen umzusetzen, muss die Landwirtschaft mit Fördermitteln unterstützt werden. Der Erhalt der Artenvielfalt verursacht Kosten, bedeuten Ertragsverluste und Pflegeaufwand.
Diese Förderprogramme müssen attraktiv sein, damit sie angenommen werden. Wenn man regelmäßig Fotos einreichen muss, um zu belegen, dass man wirklich Blühstreifen angelegt hat, oder man Fehlermeldungen bekommt, weil sie einen halben Meter zu weit links liegen, ist das schon problematisch. Vielmehr sollten die Programme die Motivation der Landwirte steigern, und sie müssen auch langfristig planen können. Doch genau hier fehlt das Vertrauen in die Politik. Wir brauchen motivierte Landwirte, die verstehen, dass Biodiversitätsschutz eine wichtige Leistung für die Gesellschaft ist.
Kan man die Maßnahmen in Zahlen ausdrücken?
Tatsächlich müssten 10-25 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche mit Biodiversitäts-Maßnahmen belegt sein. Leider gibt es nicht genügend öffentliches Geld, um dieses finanzieren zu können. Aber viele Landwirte nutzen ihre Artenvielfalts-Maßnahmen als Aushängeschild bei ihrer Direktvermarktung. Denn es ist unumstritten, dass die Landwirtschaft selber von der Steigerung der Biodiversität profitiert. Trockenheit wird abgepuffert, das Landnutzungssystem verbessert und die Ernte gesteigert.
Sie beschäftigen sich seit vier Jahren intensiv mit dem F.R.A.N.Z.-Projekt. Was heißt das überhaupt?
FRANZ steht für: Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft. Es ist ein Demonstrations- und Kooperationsprojekt mit Begleitforschung. Dabei werden Fördermaßnahmen aus aktuell angebotenen Förderprogramme auf den Prüfstand gestellt und neue Maßnahmen entwickelt. Am Projekt nehmen 10 Betriebe teil, die Blühstreifen, Insektenwälle, Extensivgetreide oder Wildkräutersaaten testen. Und wir wollen erfahren, was Landwirte brauchen, um bei den Biodiversitäts-Programmen mitzumachen. Dieses Jahr läuft das Programm nach 10 Jahren aus.
Wie haben Sie die Erkenntnisse aus dem FRANZ-Projekt verwertet?
Wir haben unsere Erfahrungen in Ratgebern, Leitfäden und einem Praxishandbuch festgehalten und geben diese als Erklärungen weiter. Damit stellen wir den Landwirten gute, verständliche Informationen zur Verfügung, die zur Nachahmung anregen sollen. Landwirte müssen sich begleitet fühlen. Sie suchen Antworten darauf, wie sich beispielsweise verschiedene Pflegeoptionen in einem Blühstreifen auswirken oder wie man einen Blühstreifen irgendwann einmal wieder ackerbaulich nutzen kann.
Was werden die 10 Demonstrationsbetriebe nach Ablauf des Projekts tun?
Sie sind alle sehr motiviert und hoffen auf neue Netzwerke. Ziel des F.R.A.N.Z.-Projektes ist es die Biodiversitätsmaßnahmen in den Landesprogrammen zu verankern, um die Übertragung in die Breite zu generieren. Zudem wurden die F.R.A.N.Z.-Maßnahmen in weiteren Projekten und auch im kooperativen Naturschutz angewandt. Es ist wichtig, dass das Thema in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Denn nur wenn verstanden wird, dass etwas passieren muss, dann passiert auch etwas.
Fragen rund um Artenvielfalt in der Landwirtschaft?
Was bedeutet Artenvielfalt?
Artenvielfalt beschreibt die Vielfalt von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Mikroorganismen sowie ihrer Lebensräume. Sie sorgt dafür, dass Ökosysteme stabil funktionieren.
Warum ist Artenvielfalt für Menschen wichtig?
Viele Leistungen der Natur wie Bestäubung, sauberes Wasser oder fruchtbare Böden hängen von einer hohen Artenvielfalt ab. Ohne sie wird Landwirtschaft langfristig schwieriger.
Was sind Blühstreifen?
Blühstreifen sind bewusst angelegte Flächen mit Wildpflanzen. Sie bieten Nahrung und Lebensraum für Insekten, Vögel und andere Tiere.
Was ist das F.R.A.N.Z.-Projekt?
Das F.R.A.N.Z.-Projekt entwickelt gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben praxistaugliche Maßnahmen für mehr Biodiversität und untersucht wissenschaftlich, welche Lösungen dauerhaft funktionieren.
Können Landwirte Artenvielfalt und Lebensmittelproduktion verbinden?
Ja. Viele Maßnahmen lassen sich direkt in die Bewirtschaftung integrieren. Damit sie langfristig umgesetzt werden, sind jedoch passende Förderprogramme und Planungssicherheit wichtig.