Wer trägt eigentlich einen Bauernhof?
Wenn wir an einen landwirtschaftlichen Betrieb denken, haben viele zuerst den Landwirt vor Augen. Den Traktor. Den Stall. Die Ernte. Doch ein Bauernhof ist viel mehr als das. Er ist Arbeitsplatz, Zuhause und Familienunternehmen zugleich. Entscheidungen über den Betrieb, die Kinderbetreuung oder den nächsten Urlaub greifen oft ineinander. Gerade deshalb verändert sich auch die Rolle der Frauen auf landwirtschaftlichen Familienbetrieben.
„Die Frauen sehen sich folglich als Mitunternehmerin, ihr unternehmerischer Beitrag wird aber in der Offizialstatistik kaum sichtbar.“
Barbara Kockerols
Im Rahmen einer aktuellen Studie von Barbara Lisa Kockerols und Prof. Dr. Marcus Mergenthaler (FH Südwestfalen) führte Barbara Lisa Kockerols qualitative Interviews mit sechs jungen Frauen, die auf landwirtschaftlichen Familienbetrieben aufgewachsen sind und später selbst in landwirtschaftliche Familienbetriebe in Nordwestdeutschland eingeheiratet haben. Die Forschenden wollten wissen: Wie kann eine Rolle aussehen, die Frauen als erfüllend, zukunftsfähig und erstrebenswert erleben?
Unsichtbar – und trotzdem unverzichtbar
Die Studie zeigt ein Bild, das viele überraschen dürfte. Frauen übernehmen Buchhaltung, Direktvermarktung, Büroorganisation, Tierbetreuung oder führen eigene Betriebszweige. Gleichzeitig kümmern sie sich häufig um Kinder, Haushalt und das Familienleben.
Ihre Arbeit ist entscheidend für das Funktionieren des Betriebs – sichtbar ist sie oft nicht. Die Autor:innen bringen dieses Spannungsfeld auf den Punkt: „Die Frauen sehen sich folglich als Mitunternehmerin, ihr unternehmerischer Beitrag wird aber in der Offizialstatistik kaum sichtbar.“ Für viele Verbraucher:innen ist genau das ein neuer Blick auf Landwirtschaft: Hinter regionalen Lebensmitteln stehen häufig Familien, in denen Verantwortung auf viele Schultern verteilt ist.
Das Rollenbild der Mütter prägt bis heute
Die Frauen blickten in den Interviews auch auf ihre Mütter und Schwiegermütter zurück. Viele Mütter der Befragten gaben nach der Hochzeit oder mit der Geburt der Kinder ihren Beruf auf. Die Mitarbeit auf dem Hof war selbstverständlich, häufig ohne eigenes Einkommen oder rechtliche Absicherung.
Die Forschenden schreiben: „Die Mitarbeit wurde als selbstverständlich angesehen, finanzielle Entlohnung blieb meist aus.“ Viele der Befragten möchten diesen Weg bewusst nicht wiederholen. Nicht weil sie Landwirtschaft ablehnen. Sondern weil sie Landwirtschaft gemeinsam gestalten möchten.
Moderne Landwirtschaft braucht moderne Partnerschaften
Die Interviews zeigen deutlich: Junge Frauen wünschen sich keine völlig andere Landwirtschaft. Sie wünschen sich eine andere Zusammenarbeit. Die Studie macht aber ebenso deutlich: Dieser Wandel gelingt nicht allein durch den Wunsch der Frauen nach mehr Gleichberechtigung. Eine zentrale Voraussetzung ist die Haltung des Partners. Erst wenn beide Verantwortung für Betrieb, Familie und Care-Arbeit übernehmen, kann eine partnerschaftliche Rollenverteilung im Alltag funktionieren. Die Forschenden betonen, dass individuelle Lösungen gemeinsam entwickelt werden müssen – passend zum jeweiligen Betrieb und zur jeweiligen Familie.
Dazu gehören:
- Entscheidungen auf Augenhöhe
- eine faire Verteilung von Familien- und Betriebsarbeit
- eigene berufliche Entwicklungsmöglichkeiten
- finanzielle Eigenständigkeit
- Zeit für Familie und Erholung
Die Studie beschreibt eine erfüllende Rolle als eine Position, die Frauen „persönliche Zufriedenheit, finanzielle Sicherheit, Anerkennung und Entwicklungsmöglichkeiten bietet.“
Warum Veränderung auf Höfen Zeit braucht
Landwirtschaft unterscheidet sich von vielen anderen Berufen. Der Betrieb ist gleichzeitig Familienunternehmen.
Oft leben mehrere Generationen auf einem Hof. Das bedeutet: Veränderungen betreffen nicht nur zwei Menschen, sondern ganze Familien. Viele Interviewpartnerinnen berichten deshalb von Konflikten über Zuständigkeiten, fehlende Privatsphäre oder unterschiedliche Erwartungen zwischen den Generationen.
Gleichzeitig zeigen die Interviews, dass Männer eine Schlüsselrolle für Veränderungen spielen. Ob Frauen eigene berufliche Wege gehen können, Verantwortung teilen oder Freiräume erhalten, hängt wesentlich davon ab, wie Paare ihre gemeinsame Zukunft gestalten. Die Studie beschreibt die partnerschaftliche Haltung des Mannes als zentrale Voraussetzung für eine zukunftsfähige Rollenverteilung. Klare Gespräche über Erwartungen und Verantwortlichkeiten helfen dabei, Konflikte frühzeitig zu vermeiden.
Was wünschen sich Frauen für die Landwirtschaft von morgen?
Die Antworten der Interviewpartnerinnen ähneln sich erstaunlich stark.
Sie wünschen sich eine Landwirtschaft,
- in der beide Partner Verantwortung übernehmen,
- in der Care-Arbeit genauso wertgeschätzt wird wie Stallarbeit,
- in der Frauen finanziell abgesichert sind,
- in der eigene Ideen willkommen sind,
- und in der Erholung kein Luxus ist.
Viele der befragten Frauen wünschen sich keinen Partner, der gelegentlich „mithilft“. Sie wünschen sich einen Partner, der Verantwortung selbstverständlich mitträgt – im Betrieb genauso wie in der Familie. Kinderbetreuung, Haushalt und betriebliche Entscheidungen sollen als gemeinsame Aufgabe verstanden werden. Oder wie die Studie es formuliert: Eine Rolle ist dann erstrebenswert, wenn sie „die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit“ von Frauen stärkt.
Handlungsempfehlungen der Studie
Aus den Interviews leiten die Forschenden konkrete Empfehlungen ab – nicht nur für landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch für Politik, Beratung und Verbände.
Frauen gezielt beraten und begleiten
Beratungsangebote sollten sich stärker an den Bedürfnissen von Frauen orientieren – etwa zu Themen wie Altersvorsorge, Eigentum, Hofübergabe oder Rollenverteilung. Coaching und Mentoring können dabei helfen, gemeinsam tragfähige Lösungen für Familie und Betrieb zu entwickeln.
Moderne Rollenbilder sichtbar machen
Frauen sollten in der Öffentlichkeitsarbeit häufiger als Unternehmerinnen, Mitentscheiderinnen und Gestalterinnen landwirtschaftlicher Betriebe gezeigt werden. Das schafft Vorbilder und macht ihre Leistungen sichtbar.
Ausbildung weiterentwickeln
Agrarschulen und Hochschulen sollten Themen wie Gleichberechtigung, Kommunikation und Familienmanagement stärker in die Ausbildung integrieren. Die Studie empfiehlt ausdrücklich, auch junge Männer auf partnerschaftliche Zusammenarbeit in Familie und Betrieb vorzubereiten.
Verbände stärker sensibilisieren
Landwirtschaftliche Organisationen können Frauen gezielter ansprechen, Netzwerke fördern und Austauschmöglichkeiten schaffen. Gleichzeitig sollten Beratungsangebote beide Partner in den Blick nehmen und nicht nur die Betriebsleitung.
Betriebe partnerschaftlich gestalten
Die Autor:innen sehen die Haltung des Partners als einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Männer können dazu beitragen, dass Frauen ihre Rolle selbstbestimmt gestalten, indem sie Verantwortung im Familienalltag übernehmen, Entscheidungen gemeinsam treffen und die Arbeit ihrer Partnerin als gleichwertigen Beitrag zum Betrieb anerkennen. Gleichzeitig empfehlen die Forschenden, Betriebe so zu organisieren, dass Mitarbeit transparent geregelt, angemessen entlohnt oder rechtlich eigenständig gestaltet wird – statt selbstverständlich vorausgesetzt zu werden.
Weitere Forschung fördern
Die Studie empfiehlt, künftig auch Männer stärker einzubeziehen. Denn eine zukunftsfähige Rollenverteilung gelingt nur gemeinsam und braucht die Perspektiven beider Partner.
Häufige Fragen
Arbeiten Frauen heute nur im Haushalt?
Nein. Viele übernehmen Verantwortung in Buchhaltung, Tierhaltung, Direktvermarktung oder Betriebsorganisation und treffen unternehmerische Entscheidungen mit.
Warum sprechen Forschende von „unsichtbarer Arbeit“?
Weil viele organisatorische Aufgaben, Care-Arbeit oder mentale Verantwortung für den Betrieb kaum wahrgenommen oder offiziell erfasst werden, obwohl sie unverzichtbar sind.
Welche Rolle spielen Männer beim Wandel?
Eine entscheidende. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine zukunftsfähige Rollenverteilung nur gelingt, wenn Partner Verantwortung gemeinsam übernehmen, offen kommunizieren und die Arbeit beider als gleichwertig anerkennen.
Ist das traditionelle Familienmodell damit vorbei?
Nein. Die Studie zeigt vielmehr, dass viele Frauen Familienbetriebe bewusst mitgestalten möchten – allerdings auf Augenhöhe und mit zeitgemäßen Rollen.
Quelle: Kockerols, Barbara Lisa & Mergenthaler, Marcus (2025): Rollenbilder von jungen Frauen in der Landwirtschaft in Nordwestdeutschland. Berichte über Landwirtschaft, Band 104, Ausgabe 1. Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.