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Frauen in der Agrarbranche

Habt den Mut, eine Quotenfrau zu sein"
Frauen in der Landwirtschaft werden sichtbarer und übernehmen zunehmend Verantwortung auf Betrieben, in Verbänden und Unternehmen. Lea Fließ erlebt zugleich Strukturen, die historisch stark von Männern geprägt sind – und sieht Vorbilder, Netzwerke und Sichtbarkeit als wichtige Treiber für Veränderung. Ihr Appell an Frauen: Chancen nutzen und sich Führungsaufgaben zutrauen.
Wie sichtbar sind Frauen heute? Frauen in der Landwirtschaft werden heute selbstverständlicher mitgedacht und sind öffentlich sichtbarer als früher. Lea Fließ nennt im Interview unter anderem Frauen in Betriebsleitungen, Verbandsspitzen und Führungspositionen als Beispiele für diesen Wandel.
Warum sind Netzwerke wichtig? Netzwerke geben Frauen mit Verantwortung Austausch, Kontakte und das Gefühl, in ihrer Rolle nicht allein zu sein. Für Lea Fließ ist besonders wichtig, dass Frauen dadurch sichtbar werden und andere sehen: Dieser Weg ist möglich.
Was rät Lea Fließ Frauen? Lea Fließ rät Frauen, sich Chancen zuzutrauen und sie zu nutzen – auch dann, wenn ganz bewusst eine Frau für eine Aufgabe oder ein Podium gesucht wird. Ihr Appell lautet: „Habt den Mut, eine Quotenfrau zu sein.“

Lea Fließ ist seit über zehn Jahren Geschäftsführerin des Forum Moderne Landwirtschaft (FML). Vor ihrem Wechsel in die Agrarbranche arbeitete die studierte Journalistin unter anderem bei BILD. Im Gespräch erzählt sie, wie sie in einer männerdominierten Branche Fuß gefasst hat, warum Sichtbarkeit für Frauen in der Landwirtschaft so entscheidend ist und was sie ihrer Tochter mitgeben will.

„Frauen werden sichtbar. Das ist entscheidend, damit andere Frauen sehen, dass dieser Weg möglich ist.“

Lea Fließ, Geschäftsführerin Forum Moderne Landwirtschaft

Frau Fließ, warum haben Sie sich nach Ihrer journalistischen Karriere für eine Führungsrolle in der Agrarbranche entschieden?

Bewusst entschieden habe ich mich zunächst gar nicht für die Führungsrolle, sondern für das Thema. Ich habe Journalismus studiert und dort mit einer großen Themenvielfalt gearbeitet, von Regionalpolitik bis zur Eurokrise. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich Lust hatte, mich intensiver in ein Themenfeld einzuarbeiten. Die Agrarbranche hat mich gereizt, weil sie einerseits vielfältig ist, andererseits aber ein klar umrissenes Themenfeld bietet, in das man sich vertiefen kann. So bin ich zum Forum Moderne Landwirtschaft gekommen.

Einen persönlichen Bezug zur Landwirtschaft hatte ich übrigens nicht. Ich bin auf dem Dorf groß geworden, aber mein Bild von Landwirtschaft war eher der klassische, etwas griesgrämige Bauer mit Kuhstall. Schon nach wenigen Wochen bin ich dann gefragt worden, ob ich die Geschäftsführung übernehmen möchte und diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Ist nicht gerade die Agrarbranche noch immer sehr von Männern dominiert?

Ja, und das habe ich zu Beginn sehr deutlich gespürt. Ich saß in unserem Entscheidergremium, und die Runde wurde mit „Sehr geehrte Herren, sehr geehrte Frau Fließ“ begrüßt. Ich war die einzige Frau im Raum, noch dazu in Präsenz. Das kannte ich aus dem Journalismus so nicht. Mittlerweile hat sich einiges getan: Wir haben inzwischen zwei Frauen in unserem Entscheidergremium. Aber die Strukturen in der Branche, etwa in den Landes-Bauernverbänden, die nur von Präsidenten vertreten sind, sind historisch gewachsen und lassen sich nicht von heute auf morgen verändern.

Lea Fließ setzt Impulse für mehr Sichtbarkeit, Wertschätzung und Dialog in der Agrarbranche.

Gab es Momente, in denen Sie sich als Frau durchsetzen mussten?

Ehrlich gesagt, nein. Das habe ich so nie erlebt. Ich hatte nie das Gefühl, als Frau nicht ernst genommen zu werden. Im Gegenteil, ich stand sogar hochschwanger auf der Bühne, um den ErlebnisBauernhof auf der Grünen Woche zu eröffnen, und niemand hat das bewertet.

Schwieriger war für mich eher der Zugang zu informellen Netzwerken. In der Agrarbranche gibt es Fußballteams, Herrenclubs, also Strukturen, die historisch aus männlicher Perspektive entstanden sind und in denen Frauen schlicht nicht mitgedacht wurden. Da helfen inzwischen Netzwerke wie Women in Agribusiness, auch wenn ich mir eigentlich wünsche, dass wir irgendwann gar keine reinen Frauen- oder Männer-Netzwerke mehr brauchen.

Was war für Sie als Geschäftsführerin des FML im Bereich „Frauen in der Landwirtschaft“ ein besonderer Meilenstein?

Für mich war eigentlich jede Frau in einer verantwortlichen Position ein Meilenstein. Ich erinnere mich noch gut daran, als Nikola Steinbock Vorstandssprecherin der Landwirtschaftlichen Rentenbank wurde. Das war ein echtes „Wow“. Auch die Doppelspitze bei der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), die bewusst eine Frau mit einbezogen hat, war so ein Moment. Oder wie der Bauernverband die Strukturen so angepasst hat, dass mit Susanne Schulze Bockeloh jetzt die erste Frau dort im Präsidium sitzt. Diese Beispiele sind wichtig, weil sie zeigen: Es braucht in jedem Bereich eigene Vorbilder, weil Verbände, Unternehmen und Branchen einfach unterschiedlich funktionieren.

Sie sind auch Mutter. Wie lässt sich Familie mit Ihrer Karriere verbinden?

In der Landwirtschaft finde ich es schön, dass Kinder und Familie oft sehr präsent sind. Auf dem Hof gehören sie einfach dazu. Gleichzeitig steht klassischerweise noch immer die Frau für die Familie. Mir ist aufgefallen, dass wir als Frauen aktuell fast nur ein gesellschaftlich akzeptiertes Modell haben: das Power-Couple, bei dem beide Karriere machen und sich alles teilen. Das ist ein schönes Modell, aber eben nicht für alle. Ich glaube, wir kämen einen großen Schritt weiter, wenn es zur Selbstverständlichkeit würde, dass auch mal eine Frau auf der Bühne steht und zu ihrem Mann im Publikum sagt: „Danke, dass du mir die Karriere ermöglichst.“

Haben Sie weibliche Vorbilder und agieren Sie als Mentorin?

Vorbilder sind für mich vor allem Frauen, die sich für Themen wie die Quote einsetzen und Strukturen sichtbar machen, die für Frauen hinderlich sind und die sie selbst gar nicht wahrnehmen, etwa bei der Frage der Absicherung auf Höfen im Falle einer Trennung oder bei Erbfolgen. Solche Menschen begeistern mich. Ob ich selbst eine Mentorin bin, müssten andere beurteilen. Wir sind ein Team von 15 Personen, davon elf Frauen, und ich bin stolz darauf, wie das zusammenwirkt. Einmal hat mich auf der Grünen Woche eine Frau angesprochen und gesagt, wie toll sie es findet, was ich als Frau in dieser Branche mache. Das war ein sehr schöner Moment.

Sie engagieren sich im Frauennetzwerk Women in Agribusiness. Wie wichtig ist das Netzwerk für Frauen in der Agrarbranche?

Mir persönlich bringt es vor allem zwei Dinge: Erstens das Gefühl, in der Branche nicht mehr allein zu sein. Als Frau mit Verantwortung hat man oft den Eindruck, in dieser Rolle die einzige im Raum zu sein, und das ist seit meiner Netzwerk-Mitgliedschaft verschwunden. Zweitens habe ich dadurch rund hundert Menschen, die ich bei bestimmten Führungsthemen fragen kann: „Wie machst du das eigentlich?“ Und das Wichtigste für die Branche: Frauen werden sichtbar. Das ist entscheidend, damit andere Frauen sehen, dass dieser Weg möglich ist.

In diesem Jahr wird das Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft gefeiert. Was versprechen Sie sich davon?

Vor allem Sichtbarkeit und die funktioniert bereits gut. Auch der Landwirtschaftsminister trägt die bunte Schleife als Solidaritätszeichen. Eine Studie zur Situation von Frauen in der Landwirtschaft hat vor einigen Jahren gezeigt: Nicht Investitionsdruck oder Sorgen um die Zukunft des Betriebs belasten Frauen am meisten, sondern das Image ihres Berufs. Das Gefühl, sich ständig erklären zu müssen. Genau da kann so ein internationales Jahr ansetzen: Es kann die Arbeit von Frauen selbstverständlicher machen und ihnen Stolz und gesellschaftliche Anerkennung zurückgeben.

Welche Rolle spielen Frauen heute in der Landwirtschaft?

Eine deutlich größere als früher, auch öffentlich sichtbarer. Aktuell sind rund elf Prozent der Betriebsleiter Frauen. Diese elf Prozent zeigen eines: Dass Frauen denselben Job machen können wie Männer. Durch die technologische Entwicklung ist Landwirtschaft heute kein rein körperlicher Beruf mehr, sondern es geht um Management und Führung. Und das können Frauen genauso gut.

Trotzdem gibt es noch Situationen, die zeigen, wie tief alte Rollenbilder sitzen: Bei einer Hofübergabe musste die künftige Betriebsleiterin irritiert miterleben, wie ihr Berater ganz selbstverständlich eine Lösung suchte, wie man denn nun „den Mann ins Spiel bringt“, dabei wollte sie den Betrieb selbst leiten.

Was hat sich im Vergleich zu früher geändert?

Frauen werden heute viel selbstverständlicher mitgedacht. Früher war bei zwei Söhnen und einer Tochter eigentlich klar, dass die Tochter den Betrieb nicht übernimmt. Das ist heute ganz anders. Es wird nicht so schnell gehen, wie sich viele von uns das wünschen, allein schon, weil Frauen nun einmal die Kinder bekommen. Aber die Richtung stimmt.

Wie begeistern Sie Frauen für eine Karriere in der Agrarbranche?

Mein Appell lautet: Habt den Mut, eine Quotenfrau zu sein. Wenn ihr euch für eine Aufgabe kompetent fühlt und es dort noch keine Frau gibt, nutzt die Gelegenheit, denn wir haben aktuell die Chance, aufzuholen. Ich sitze selbst oft in Podiumsrunden, bei denen ich weiß, dass auch noch „eine Frau“ gesucht wurde. Diese Gelegenheit nutze ich gerne, denn ich habe ja etwas zu sagen. Das hat übrigens nichts spezifisch mit der Agrarbranche zu tun, sondern generell mit Frauen und Karrierechancen. Nur ist es in der Agrarbranche, wo noch so viele Männer den Ton angeben, umso wichtiger, diese Bühnen auch als Frau zu nutzen.

Welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht entscheidend für Frauen, die Führungspositionen in der Agrarbranche anstreben?

Ich glaube nicht, dass es hier große geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Es sind die klassischen Führungskompetenzen: Menschen mitnehmen können, moderne Führung leben. Empathie würde ich nicht automatisch als „weibliche“ Kompetenz bezeichnen. Ich habe sehr empathische Männer erlebt, die genau das können. Ein Unterschied, den ich aber häufig beobachte, ist ein anderer: Frauen fragen sich vor einer Führungsposition oft dreimal, ob sie das wirklich können, während Männer diese Frage sich selbst gar nicht erst stellen. Das kostet Frauen manchmal wertvolle Zeit und Selbstvertrauen.

Wie wird sich die Rolle von Frauen in der Agrarbranche in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Es wird definitiv Bewegung geben. Durch Quotenregelungen verändert sich schon jetzt einiges. Der Bauernverband hat inzwischen eine Frau im Präsidium, wenn auch über eine gesonderte Regelung, die von einigen kritisiert wurde. Aber solche Schritte schaffen Möglichkeiten. Vielleicht kommen wir irgendwann dahin, dass wir gar keine reinen Frauennetzwerke mehr brauchen, sondern dass Frauen in Netzwerken ganz selbstverständlich da sind.

Was ist für Sie das Faszinierende an einer Karriere in der Agrarbranche?

Zum einen die Menschen: Sie sind unfassbar engagiert, oft ehrenamtlich, und haben ein selbstverständliches Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft, das ich in meinem Alltag in Berlin so oft nicht erlebe. Zum anderen die Sinnhaftigkeit: Ich war zuvor Journalistin – ein Beruf, der ebenfalls einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leistet. Heute arbeite ich jedoch jeden Tag ganz konkret daran mit, die Zukunft unserer Ernährung nachhaltiger zu gestalten. Das gibt meiner Arbeit ein besonderes Gefühl von Sinn. Und: Die Branche ist erstaunlich vielfältig und dynamisch. Von der Präzisionslandwirtschaft über Innovationen wie digitale Zwillinge bis hin zur Drohnentechnik für die Rehkitzrettung ist immer wieder Neues dabei.

Lea Fließ im Austausch Thomas Gäbert, teilnehmender Landwirt beim Aktionstag „Landwirt für einen Tag“ – nah dran an Praxis, Perspektiven und den Menschen hinter der Landwirtschaft.

Zum Abschluss noch eine Anekdote – etwas, das Sie überrascht hat?

Als ich zum ersten Mal zu einem Treffen des Frauennetzwerks eingeladen wurde, habe ich abgesagt, weil ich keine Betreuung für meine damals vierjährige Tochter hatte. Die Organisatorin meinte nur: „Dann bring sie doch mit.“ Ich habe lange überlegt: Wollte ich wirklich „die Mutter“ in der Runde sein? Am Ende habe ich es gemacht, und es hat großartig funktioniert.

Dieses Erlebnis hat etwas bei mir verändert. Seitdem gehe ich auch in gemischte Runden mit dem Wissen: Wenn es nötig ist, kann meine Tochter dabei sein. Diese Möglichkeit im Hinterkopf zu haben, gibt mir eine ganz andere Freiheit. Genau das wünsche ich mir für viele andere Frauen: Dass sie sich trauen, solche Optionen einfach auszuprobieren. Oft sind die Hürden in unseren Köpfen größer als in der Realität.

Noch mehr Einblicke von Lea Fließ?

Auf LinkedIn teilt sie regelmäßig Perspektiven zu moderner Landwirtschaft, Kommunikation und Frauen in der Agrarbranche.

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