Phillip Harleß bewirtschaftet einen Hof mit 980 Mastschweinen, Ackerbau und Forstwirtschaft. Modernste Technik trifft auf uralte Fragen: Wie sollen Ackerbau und Tierhaltung in Deutschland aussehen?
Morgens um sieben, bevor der Bundestag aufwacht
Es ist kurz nach sieben Uhr morgens. Phillip Harleß geht durch den Schweinestall. In der Hand kein Smartphone, sondern eine Wärmebildkamera. Auf dem Display leuchtet ein Schwein heller als die anderen. Harleß bleibt stehen, macht sich eine Notiz und geht weiter. Regelmäßig nutzt der junge Landwirt aus der Lüneburger Heide die Wärmebildkamera, um schneller zu erkennen, ob ein Tier krank ist.
„Wer Transformation will, muss sie finanzierbar machen.“
Phillip Harleß, Landwirt
Wenige Stunden später sitzt er am Telefon und spricht mit einem Referenten aus dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Es geht um Tierwohl und um Ringelschwänze bei Schweinen. Harleß kennt die Paragrafen. Denn Phillip Harleß ist nicht nur Landwirt. Er weiß, dass die Zukunft der Landwirtschaft nicht allein auf dem Feld entschieden wird, sondern auch von der Politik in den Konferenzräumen von Hannover und Berlin.
980 Schweine, eine Drohne und ein Waldstück
Der Hof von Phillip Harleß liegt im idyllischen Schwienau. Es ist ein Betrieb, der auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich wirkt: Scheunen, Felder und ein Wohnhaus. Der Schweinestall liegt etwas weiter weg.
980 Mastschweine hält Harleß. Er setzt auf Gruppenbuchten für jeweils 20 Tiere, auf Spaltenboden, auf Beschäftigung. Und auf Technologie: Mit der Wärmebildkamera erfasst er Körpertemperaturen. Wenn bei einem Tier die Farbe abweicht, ist Handlungsbedarf geboten. Harleß kann zum Beispiel bei möglichen Entzündungen früher eingreifen. Der studierte Agrarwissenschaftler verlässt sich aber auch auf seine Beobachtungen. „Sondert sich ein Tier ab, ist etwas nicht in Ordnung mit ihm“, erklärt der Junglandwirt. „Oder sie lassen, wie Menschen, die Schultern hängen.“
Auf dem Acker nicht weit von hier setzt er eine Drohne ein. Sie ist groß, größer als die handelsüblichen Hobbygeräte, trägt einen Tank und verteilt Saatgut oder Dünger. Wofür man früher eine Drillmaschine und einen Traktor benötigte, übernimmt die Drohne. Sie kann auch zwischen bereits aufgewachsenen Kulturen säen. Dort käme kein Rad hin, ohne Schäden anzurichten. „Der Mehrwert, Saatgut mit der Drohne zu verteilen, liegt darin, dass die Saat schneller und effizienter wächst“, erklärt er.

10 Jahre AgrarScouts
Dialog lebt von Menschen
Als AgrarScout engagiert sich Phillip Harleß für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Seine Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.
Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.
Auf 20 Hektar baut Phillip Harleß Kartoffeln an und erntet pro Jahr rund 1000 Tonnen. Das sind eine Million Kilo Kartoffeln. Auf weiteren 66 Hektar werden Zuckerrüben, Körnermais, Braugetreide und seit fünf Jahren auch Soja angebaut.
Dazu kommt ein Waldstück, das er von einem Forst-Verbund bewirtschaften lässt: keine Monokultur, sondern ein gemischter Bestand wie Kiefer, Douglasie, aber auch Laubbäume wie Eiche, Buche oder Kirsche für den Möbelbau und zukünftig auch Nussbaum und Esskastanie. Forstwirtschaft als Langzeitinvestition, die teilweise erst die Kinder oder Enkel ernten werden. Harleß denkt, genau wie seine Vorfahren, in Generationen.
Nah an der Politik
Wie viele Gespräche er in den letzten Jahren mit Politikern geführt hat, kann Harleß nicht mehr zählen. Den ehemaligen Bundesminister Cem Özdemir, Spitzenpolitiker Anton Hofreiter und Christian Lindner, EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis oder die niedersächsischen Landwirtschaftsminister Gert Lindemann, Christian Meyer, Miriam Staudte oder Barbara Otte-Kinast hat er getroffen. Die Themen: Schweinehaltungsverordnung, Pflanzenschutzmittelrecht, Nitratrichtlinie, Düngeverordnung und Waldbau. Er fuhr auch schon nach Berlin zum internationalen Junglandwirte-Forum, aber meistens kommen die Politiker zu ihm.
Was ihn umtreibt, ist die Geschwindigkeit, oder besser: die fehlende davon. Gesetze entstehen langsam, Förderprogramme laufen ab, Übergangszeiträume sind zu kurz für Investitionen, die sich über zwanzig Jahre amortisieren müssen.
Harleß ist ein Praktiker, jemand, der morgens in den Stall geht und sich abends Gedanken macht, wie Bioökonomie nachhaltig gestaltet oder wie Lebensmittelsicherheit garantiert werden kann. Er will seinen Teil dazu beitragen, aber auch die Politik ist gefordert.
Zwischen Tierschutz und Wirtschaftlichkeit
Denn die Landwirtschaft in Deutschland steht unter Druck. Verbraucher wollen günstige Preise und dabei artgerechte Haltung und Klimaschutz. Aber alles gleichzeitig geht nicht. „Ein höheres Maß an Tierwohl erhöht gleichzeitig den CO2- Fußabdruck und die Kosten. Bei diesen drei Punkten haben wir oftmals ein Zielkonflikt“, sagt er.
Genau das ist die Botschaft, die er in seinen Gesprächen mit Politikern immer wieder formuliert: Wer Transformation will, muss sie finanzierbar machen. Wer mehr Tierwohl fordert, muss sicherstellen, dass die Mehrkosten nicht allein beim Bauern hängen bleiben.

Beim Pflanzenschutz ist die Lage nicht einfacher. Wirkstoffe werden europaweit verboten, ohne dass zeitgleich Alternativen zugelassen werden. Harleß setzt auf angepasste Fruchtfolgen, auf Applikationskarten, um möglichst wenig und präzise Wirkstoffe auszubringen. Die Technik hilft auch hier: Eine mit Kameras ausgestattete Spezialpflanzenschutzspritze kann Unkräuter von Kulturpflanzen unterscheiden. Sie verteilt den Pflanzenschutz ausschließlich auf den Unkräutern. Auf diese Weise schützt die moderne Technologie die Umwelt und reduziert den Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln.
Was bleibt
Phillip Harleß ist keiner, der andere über die Landwirtschaft aufklären will. „In dem Moment unterstellen wir diesen Menschen, dass sie keine Ahnung hätten. Es ist doch auch in Ordnung, wenn manche Menschen sich nicht für Landwirtschaft interessieren.“ Dennoch ermuntert er andere Landwirte, auch in der Rolle des AgrarScouts, über ihre Arbeit zu sprechen. Denn er ist Realist und will seinen Betrieb erhalten: „Wir dürfen den Tierhaltungsstandort Deutschland nicht verlieren, denn wir haben, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, einen sehr hohen Tierwohlstandard. Es darf nicht passieren, dass wir unsere tierischen Lebensmittel aus dem Ausland importieren müssen. In dem Fall haben wir keine Handhabe mehr auf die Tierwohlstandards.“
Deshalb wird er sich auch in Zukunft weiter mit der Politik auseinandersetzen, um zu erreichen, dass sinnvolle Tierwohl-Förderungen nicht gestrichen werden.