Elena Glitz-Jebing über Technik, Familie und weibliche Sichtbarkeit in der Agrarbranche
Elena Glitz-Jebing verantwortet bei CLAAS das Marketing für die Märkte Deutschland, Benelux und Schweiz. Aufgewachsen ist sie auf einem Ackerbaubetrieb mit Schweinemast im Kreis Höxter, den später einer ihrer beiden Brüder übernahm. Ihr eigener Weg führte über eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau sowie ein BWL- und ein Agrarökonomie-Studium in die Landtechnikbranche. Bereits während ihres Studiums sammelte sie erste berufliche Erfahrungen bei CLAAS. Nach Stationen bei 365FarmNet und dem Mulchgerätehersteller Müthing kehrte sie schließlich zu CLAAS zurück – einem Unternehmen, in dem für sie Technik, Familienunternehmertum und Landwirtschaft zusammenkommen.
„Ich glaube, Frauen sollten mutiger sein und diesen Schritt viel früher gehen.“
Elena Glitz-Jebing, Head of Marketing bei Claas
Im Gespräch erzählt sie von ihren Erfahrungen als Frau in einer nach wie vor männlich geprägten Branche und davon, warum sie auf gemischte Netzwerke setzt. Außerdem spricht sie darüber, welchen Rat sie jungen Frauen gibt, die zwischen einer Hofübernahme und einer eigenen beruflichen Laufbahn in der Agrarbranche stehen.
Vom Hof der Eltern in die Landtechnikindustrie
Elena Glitz-Jebing stammt aus einer Familie, in der es seit Generationen kaum etwas anderes gab als Landwirte. „Irgendwann muss ja mal einer was anderes machen“, sagt sie rückblickend über ihre Entscheidung, nach der Schule keine landwirtschaftliche, sondern eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. Während ihre beiden Brüder Landwirtschaft studierten und später einer von ihnen den elterlichen Ackerbau- und Schweinemastbetrieb übernahm, entwickelte sie ihren eigenen beruflichen Weg.
Ganz aus der Landwirtschaft heraus kam sie dabei nie: Schon während ihres BWL-Studiums jobbte sie für CLAAS E-Systems auf der Agritechnica und sammelte erste Erfahrungen im Umfeld der Landtechnik. Nach ihrem Master in Agrarökonomie gelang ihr bei 365FarmNet, einer damaligen Tochtergesellschaft von CLAAS, der hauptberufliche Einstieg in die Branche. „Ich habe gemerkt, wie familiär die Branche ist und wie viel Spaß sie machen kann – sowohl mit Kunden als auch mit Kollegen, die alle irgendwo einen landwirtschaftlichen Bezug haben“, erinnert sie sich.
Vier Jahre war sie bei dem Berliner Start-up in Marketing, Service und Vertrieb tätig und begleitete das junge Digitalunternehmen in einer dynamischen Wachstumsphase. Als der Wunsch aufkam, Berlin wieder zu verlassen, übernahm sie die Marketingleitung beim mittelständischen Mulchgerätehersteller Müthing in Soest. Fünf Jahre lang verantwortete sie dort das Marketing, bevor sich Anfang 2024 die Gelegenheit ergab, zu CLAAS zurückzukehren. „Mich fasziniert die Marke, aber auch das Familienunternehmen“, sagt sie über diesen Schritt. Mit ihrer Rückkehr zu CLAAS schloss sich für sie ein beruflicher Kreis.
Faszination Landtechnik
Was sie an Landmaschinen so fasziniert, kann Elena Glitz-Jebing kaum in einem Satz zusammenfassen: die hohe Technologisierung, die enorme Ingenieurleistung, die schiere Kraft und Größe der Maschinen und die Geschichte dahinter. „Mich begeistert die Geschichte der Familie Claas und der Marke“, sagt sie und meint damit August Claas, der das Unternehmen gründete, Helmut Claas, der es entscheidend vorantrieb, und Cathrina Claas-Mühlhäuser, die heute an zentraler Stelle Verantwortung im Familienunternehmen trägt.
Verwurzelt ist diese Leidenschaft für Maschinen in ihrer eigenen Kindheit: Auf dem elterlichen Hof fährt sie bis heute gelegentlich selbst Landmaschinen. In ihrer Jugend war sie häufig dabei, wenn ihre Eltern auf dem Hof arbeiteten. „Daher kommt ein Stück weit diese Leidenschaft für die Landtechnik“, erzählt sie, „weil man einfach sehr nah dran ist.“
Auch ihre Motivation für eine Führungsposition in der Agrarbranche entsteht aus dieser Nähe. Sie kenne die Denkweise und die Lebensrealität ihrer Kundengruppe, weil sie selbst aus der Landwirtschaft komme, sagt sie. Ebenso wichtig sei für sie die gesellschaftliche Bedeutung der Branche: Ernährungssicherheit und zukunftsfähige, hochentwickelte Landtechnik finde sie „super spannend“ – ebenso wie die Möglichkeit, eine Branche mitzugestalten, die sich wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch in einem stetigen Wandel befindet. In ihrer Rolle im Marketing versteht sich die Nordrhein-Westfälin als Übersetzerin zwischen Handel, Vertrieb und Landwirtschaft.
Als Frau in einer männerdominierten Branche
Die Agrarbranche gilt nach wie vor als stark männergeprägt. Elena Glitz-Jebing selbst hat das jedoch nie als persönlichen Nachteil erlebt. „Das kann man pauschal vielleicht nicht beantworten“, sagt sie, „weil ich es persönlich gar nicht so wahrgenommen habe.“ Aus ihrer Sicht hängt viel davon ab, wie offen ein Unternehmen und seine Kultur sind. Sie selbst habe in ihren bisherigen beruflichen Stationen überwiegend offene Unternehmenskulturen erlebt. In ihrer eigenen beruflichen Entwicklung sei die fachliche Kompetenz entscheidender gewesen als ihr Geschlecht: „Ich glaube, dass Fachlichkeit in unserem Bereich stark im Fokus steht. Es ist extrem wichtig, dass man die Agrarbranche versteht, praxisnah, verlässlich und vor allem authentisch ist. Ich persönlich habe erlebt, dass einem damit auch als Frau viele Türen offenstehen.“
Auch eine bewusste Benachteiligung in Bewerbungssituationen habe sie selbst nicht wahrgenommen. Vielmehr seien neue Aufgaben für sie stets Teil eines Entwicklungsprozesses gewesen, in den man mit wachsender Verantwortung hineinwachse. „Wenn man das ganz normal angeht und sich auch etwas zutraut, dann funktioniert das.“ Eine Herausforderung sieht sie allerdings beim Selbstvertrauen: Frauen trauten sich eine Rolle häufig erst dann zu, wenn sie glaubten, deren Anforderungen zu 120 Prozent erfüllen zu können. „Ich glaube, Frauen sollten mutiger sein und diesen Schritt viel früher gehen.“ Geholfen habe ihr dabei, dass Menschen ihr im entscheidenden Moment Vertrauen entgegengebracht und ihr Verantwortung zugetraut hätten. Das habe es ihr ermöglicht, in ihre jeweilige Rolle hineinzuwachsen.
Sichtbarkeit statt reiner Frauennetzwerke
Auf ein einzelnes weibliches Vorbild möchte sich Elena Glitz-Jebing nicht festlegen. Sie sieht vielmehr in vielen unterschiedlichen Frauen Vorbilder: Dazu gehörten Frauen, die auf landwirtschaftlichen Betrieben oft wenig sichtbar seien, im Hintergrund aber vieles zusammenhielten. Ebenso beeindruckten sie Betriebsleiterinnen, die den gesamten landwirtschaftlichen Betrieb mit all seinen familiären, personellen und unternehmerischen Aufgaben führen und weiterentwickeln.
Dass Frauen in der Landwirtschaft „nicht wegzudenken“ seien, sei schon immer so gewesen. Früher seien sie aber vergleichsweise unsichtbar geblieben. Das ändere sich: Durch neue Kommunikationsmöglichkeiten würden Frauen heute sichtbarer. Auch in ihrem eigenen Freundeskreis kenne sie inzwischen viele Unternehmerinnen, die große Betriebe führten.
„Ich fände es gut, wenn wir Frauen uns nicht nur untereinander, sondern auch gemeinsam mit Männern vernetzen. Das halte ich für zielführender, weil dadurch gegenseitiges Verständnis entsteht und Frauen in der Branche sichtbarer werden.“
Auch bei CLAAS seien Frauen inzwischen in vielen Bereichen stark vertreten. In klassischen technischen und vertriebsnahen Führungsfunktionen sei ihr Anteil aus ihrer Wahrnehmung bislang noch geringer, wobei sich auch dort etwas bewege.
Bei der Frage, was Frauen in der Branche noch sichtbarer machen könnte, wird Glitz-Jebing nachdenklich. Frauennetzwerke hält sie grundsätzlich für wertvoll. Gleichzeitig sieht sie die Gefahr, dass der Austausch zu stark unter Frauen bleibt und dadurch eine Abgrenzung entsteht, die dem gemeinsamen Verständnis nicht immer hilft. „Ich fände es gut, wenn wir Frauen uns nicht nur untereinander, sondern auch gemeinsam mit Männern vernetzen. Das halte ich für zielführender, weil dadurch gegenseitiges Verständnis entsteht und Frauen in der Branche sichtbarer werden.“
Der Austausch sollte aus ihrer Sicht geschlechterübergreifend stattfinden und sich an fachlichen Themen und gemeinsamen Interessen orientieren. Ein spezielles Frauenförderprogramm habe sie in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn selbst nicht erlebt. Für ihre Entwicklung seien vielmehr Menschen entscheidend gewesen, die ihr Vertrauen entgegengebracht und ihr Verantwortung übertragen hätten.
Warum die Agrarbranche für Frauen besondere Chancen bietet
Für Elena Glitz-Jebing bietet die Agrarbranche Frauen vielfältige berufliche Möglichkeiten – gerade weil sie sinnstiftende Aufgaben, technologische Innovation und sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder miteinander verbindet. Wer eine Aufgabe mit gesellschaftlicher Wirkung suche, könne sie hier finden: „Mit unseren Produkten leisten wir einen wichtigen Beitrag dazu, dass Landwirte effizient und zukunftsfähig arbeiten und die Ernährung der Menschen sichern können.“
Hinzu komme die Vielfalt der Branche selbst, die von der praktischen Landwirtschaft über Marketing, Vertrieb und Produktmanagement bis hin zu Digitalisierung und Datenmanagement reiche. Damit biete sie viel Raum, die eigene Rolle zu finden.
Ein weiterer Punkt liegt ihr besonders am Herzen: In der Agrarbranche habe sie erlebt, dass fachliche Kompetenz, Verlässlichkeit und ein authentisches Auftreten zählen. „Man wird als Mensch und Persönlichkeit wahrgenommen“, sagt sie.
Blick nach vorn
Für die nächste Generation von Frauen in der Agrarbranche wünscht sie sich vor allem Selbstbewusstsein: Frauen sollten sich etwas zutrauen, mutig ihre Position vertreten und ihren Weg konsequent weitergehen. Gleichzeitig müsse die Vereinbarkeit von Familie und Karriere weiter an Bedeutung gewinnen.
Jungen Frauen, die vor der Frage stehen, ob sie einen Hof übernehmen oder einen anderen beruflichen Weg in der Agrarbranche einschlagen möchten, rät sie, sich möglichst breit auszuprobieren. Sie sollten unterschiedliche Bereiche kennenlernen: landwirtschaftliche Betriebe ebenso wie Unternehmen der Agrar- und Landtechnikbranche, Praktika absolvieren, Netzwerke aufbauen und sich mit Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern austauschen. „Viele kennen die Komplexität und die Möglichkeiten für Frauen in der Landtechnik gar nicht. Es ist so viel mehr als nur Marketing und Kommunikation.“ Praktika, wie CLAAS sie anbiete, seien dafür ein guter Einstieg.
Wer glaubt, ohne landwirtschaftlichen Hintergrund keine Chance zu haben, dem macht sie Mut: Agrarwissen lasse sich aufbauen. Auch aus Bereichen wie Maschinenbau, Elektronik oder Wirtschaftsingenieurwesen gebe es große Schnittmengen zur Branche. Die Agrarbranche brauche nicht nur Menschen, die in ihr aufgewachsen sind, sondern auch solche, die eine neue Perspektive mitbringen.
Häufige Fragen zu Frauen in der Landtechnik
Welche Berufe gibt es für Frauen in der Landtechnik?
Die Möglichkeiten reichen unter anderem von Marketing, Vertrieb und Produktmanagement bis zu Digitalisierung, Datenmanagement und technischen Tätigkeiten.
Braucht man einen landwirtschaftlichen Hintergrund für die Agrarbranche?
Nein. Landwirtschaftliches Wissen ist hilfreich, kann aber aufgebaut werden. Auch Studiengänge und Berufe aus Maschinenbau, Elektronik oder Wirtschaftsingenieurwesen bieten gute Anknüpfungspunkte.
Welche Fähigkeiten sind in der Agrarbranche besonders wichtig?
Fachwissen, Praxisnähe, Verlässlichkeit und ein authentisches Auftreten spielen in vielen Bereichen der Agrarbranche eine wichtige Rolle.
Wie können Frauen in der Agrarbranche sichtbarer werden?
Fachliche Netzwerke, der Austausch mit unterschiedlichen Menschen und sichtbare Verantwortung in Unternehmen und Betrieben können dazu beitragen, Frauen in der Branche stärker wahrnehmbar zu machen.
Wie gelingt der Einstieg in die Landtechnik?
Praktika, erste Berufserfahrungen und der Austausch mit Menschen aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern helfen dabei, die Branche und ihre vielfältigen Berufsbilder kennenzulernen.