Mehr als 80 Prozent weniger Insekten in dreißig Jahren. Die Zahlen sind alarmierend. Doch auf deutschen Äckern entstehen gerade Lösungen, die funktionieren und zeigen, dass Landwirtschaft und Artenvielfalt keine Gegensätze sind.
Ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in Deutschland ist gefährdet. Insekten, Vögel, Reptilien: der Rückgang zieht sich durch das gesamte Ökosystem. Der „Faktencheck Artenvielfalt“, den über 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Oktober 2024 vorlegten, bestätigt: Ohne konkrete Gegenmaßnahmen sind die für 2030 gesetzten Biodiversitätsziele nicht erreichbar. Die entscheidende Stellschraube? Die Landwirtschaft. Sie bewirtschaftet mehr als die Hälfte der deutschen Landesfläche und kann damit Teil des Problems oder Teil der Lösung sein.
„Den Landwirten sollte eine Auswahl bewährter Maßnahmen angeboten werden, die für jede Region koordiniert wird und für deren Umsetzung die Betriebe einen finanziellen Ausgleich erhalten.“
Friedhelm Dickow, Landwirt
Landwirtschaft und Artenvielfalt: kein Widerspruch
Wer Landwirtschaft automatisch als Feind der Natur betrachtet, liegt falsch. Viele Tier- und Pflanzenarten sind auf bewirtschaftete Flächen angewiesen. Böden, die regelmäßig bearbeitet werden, Grünland, das durch Beweidung offen bleibt. Das hat das F.R.A.N.Z.-Projekt (Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft) eindrucksvoll belegt: Fast ein Jahrzehnt lang erprobten zehn Betriebe in ganz Deutschland, wie wirtschaftlicher Ackerbau und Naturschutz zusammengehen können. Charlotte Peitz vom Thünen-Institut, die das Projekt wissenschaftlich begleitet, fasst es so: „Wir brauchen Landbewirtschaftung. Es gibt viele Arten, die Beweidung oder Bodenbearbeitung zum Überleben benötigen.“ Die Frage ist nicht ob Landwirtschaft, sondern wie.
Blühstreifen am Feldrand reichen nicht aus
Blühstreifen helfen, aber sie sind kein Allheilmittel. Was wirkt, ist Diversität: Peitz unterscheidet zwei wirksame Ansätze: Brache-Maßnahmen wie mehrjährige Blühstreifen, Insektenwälle und Stilllegungen schaffen Rückzugsräume. Produktionsintegrierte Maßnahmen, etwa extensiver Getreideanbau mit reduziertem Dünger- und Pflanzenschutzmitteleinsatz, ermöglichen, dass Ackerwildkräuter und damit Insekten und Vögel auf der Fläche verbleiben können.
Entscheidend ist dabei die Mischung. „Der Insektenwall erreicht viele Arten, aber man braucht Diversität“, erklärt Peitz: unterschiedliche Fruchtfolgen, variierend hohe Getreidebestände, Strukturen, die Tieren über einen langen Zeitraum Nahrung und Deckung bieten.
Die Zielgröße: 10 bis 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche sollten mit Biodiversitätsmaßnahmen belegt sein, um spürbare Wirkung zu erzielen.
Drei Betriebe zeigen, was funktioniert
Dass diese Ansätze keine Theorie sind, zeigen drei Betriebe aus dem F.R.A.N.Z.-Projekt.
Zurück zu den Schillerfaltern. Friedhelm Dickow aus Niederbayern setzt auf mehrjährige Blühstreifen und Feldlerchenfenster. Kleine Freiflächen im Getreidebestand, die Vögeln als Nistzugang dienen. 2017 war kein einziger Schillerfalter zu sehen. 2019 tauchten sie plötzlich wieder auf. Heute zählt Dickow über 290 Pflanzenarten auf seinem Gelände, Feuersalamander und Eidechsen eingeschlossen.
Beetle Banks als ökologische Mehrfachnutzung. Marco Gemballa bewirtschaftet 600 Hektar in Vorpommern und setzt auf sogenannte Beetle Banks. Das sind bis zu 70 Zentimeter hohe Erd- und Insektenwälle, die gleichzeitig als Brut-, Rückzugs- und Nahrungsraum für Insekten und Feldvögel dienen. Eine Maßnahme, mehrere ökologische Funktionen.
Blühstreifen steigern auch den Ertrag. Jochen Hartmann aus Rettmer bei Lüneburg hat eine überraschende Beobachtung gemacht: Weizenpflanzen neben Blühstreifen tragen schwerere und ertragreichere Körner. Ob ätherische Öle als Biostimulanz wirken oder die höhere Insektendichte den Ausschlag gibt, ist bisher noch ungeklärt, der Effekt aber messbar. Und die Rebhühner sind auch zurück.
Der Wille alleine zählt nicht. Förderung muss stimmen
Guter Wille ist bei den Landwirten vorhanden, aber er reicht nicht. Allein das Saatgut für einen Hektar Blühstreifen kostet rund 1.000 Euro. „Ohne staatliche Förderung ist es wirtschaftlich kaum tragbar“, sagt Landwirt Friedhelm Dickow. Charlotte Peitz formuliert klar, was gebraucht wird: „Der Erhalt der Artenvielfalt verursacht Kosten, bedeutet Ertragsverluste und Pflegeaufwand. Förderprogramme müssen attraktiv für Landwirte sein, damit sie angenommen werden.“
Doch genau daran fehlt es bisher. Bürokratische Hürden wie das regelmäßige Einreichen von Fotos als Nachweis für angelegte Blühstreifen oder Fehlermeldungen, die besagen, dass eine Blühwiese einen halben Meter zu weit links liegt, bremsen die Motivation. Stattdessen brauche es Programme, die langfristige Planungssicherheit bieten. „Doch genau hier fehlt das Vertrauen in die Politik“, so Peitz. Landwirt Dickow bringt es auf den Punkt: „Den Landwirten sollte eine Auswahl bewährter Maßnahmen angeboten werden, die für jede Region koordiniert wird und für deren Umsetzung die Betriebe einen finanziellen Ausgleich erhalten.“
Artenvielfalt ist eine gesellschaftliche Aufgabe
Artenvielfalt erhalten. Das ist keine Frage, die Landwirte allein beantworten können. Die Leistungen, die dafür notwendig sind, müssen gesellschaftlich anerkannt und finanziell ausgeglichen werden. „Wir brauchen motivierte Landwirte, die verstehen, dass Biodiversitätsschutz eine wichtige Leistung für die Gesellschaft ist“, betont Peitz. Der Umkehrschluss gilt ebenso: Die Gesellschaft muss verstehen, dass Artenvielfalt nicht von selbst entsteht. Sie muss aktiv gestaltet, gefördert und bezahlt werden, von der Politik, von Unternehmen und von uns allen.
Das F.R.A.N.Z.-Projekt hat bewiesen, dass es geht. Jetzt braucht es den politischen Willen und die gesellschaftliche Rückendeckung, um aus erfolgreichen Pilotbetrieben flächendeckende Realität zu machen, bevor noch mehr Arten verschwinden.