Eine Familie in Nordfriesland zeigt, wie Zusammenhalt aus einem Milchhof mehr macht als einen Betrieb und gleichzeitig die Welt einlädt, an ihrem Alltag teilzunehmen
Es ist kurz nach neun Uhr morgens, als der Trecker auf Hof Jürgensen losrollt. Auf dem Anhänger sitzen 25 Pastorinnen und Pastoren. Die meisten von ihnen haben noch nie einen Kuhstall von innen gesehen. Henning Jürgensen, der Landwirt, lenkt das Gefährt langsam durch den luftig-hellen Boxenlaufstall der 170 Milchkühe, vorbei an den Futterkrippen bis hin zum Stall mit den Liegeboxen für die rund 280 Jungtiere und Bullen. Diese sind in Fünfergruppen eingeteilt. Die Tiere bleiben zusammen, bis sie den Hof verlassen oder in den Milchvielstall wechseln. Mittendrin auf dem Anhänger: Eike Jürgensen, Hennings Frau und Mutter der gemeinsamen Kinder, 53 Jahre alt. Es ist keine gewöhnliche Fahrt über einen Milchviehhof, sondern eine Reise zwischen zwei Welten, die sich hier begegnen: Landwirtschaft und Kirche.
„Wir haben gelernt, über den Tellerrand beziehungsweise das Hoftor zu schauen.“
Eike erklärt sachlich, präzise und leidenschaftlich. Beide Berufe hätten ungewöhnliche Arbeitszeiten, sagt sie der geistlichen Gruppe. Bei Beiden seien an den Feiertagen Hochsaison. Beide versorgten Menschen: die einen die Seele, die anderen den Leib. Und beide versänken in Verwaltungsarbeit bis zum Hals. Die Pastorinnen nicken. Die Pastoren lachen.
Hof Jürgensen im nordfriesischen Högel. Das sind 170 Milchkühe, rund 280 Jungtiere und Bullen, 115 Hektar Ackerland und Grünland. Ein Arbeitstag, der um 4 Uhr morgens beginnt, und eine Familie, die seit über zwei Jahrzehnten ihre Stalltüren für Fremde öffnet. Jährlich kommen 400 bis 450 Besucher: Kindergartenkinder, Schulklassen, Kirchengemeinden, Vereine. Für jede Gruppe entwickelt Eike Jürgensen ein eigenes Konzept. Keines gleicht dem anderen und ist individuell auf die Gruppe abgestimmt.

Die ersten Besucher kamen vor mehr als 20 Jahren, als die älteste Tochter Lienke in die Kita ging. Eike Jürgensen stellte fest, dass kaum ein Kind der Gruppe von einem landwirtschaftlichen Betrieb stammte und fragte kurzerhand nach, ob die Kita nicht auf den Hof kommen wolle. Aus dieser Einladung wurde eine Praxis, aus der Praxis eine Mission.
Sensor und Stallrundgang
Technik und Tradition. Auf Hof Jürgensen schließen sie sich nicht aus, sie ergänzen sich. Zweimal täglich werden die Ställe gründlich kontrolliert. Den letzten Gang macht Henning um 22 Uhr. Zusätzlich hilft ein digitales Gesundheitserkennungssystem: Jede Kuh schluckt einmalig einen kleinen Sensor, der sich im Pansen festsetzt und dort dauerhaft verbleibt. Von dort sendet er kontinuierlich Daten über Kauverhalten, Bewegungsmuster, Körpertemperatur. Das System erkennt sogar einen bevorstehenden Kalbungsvorgang zwölf Stunden im Voraus.
„Aktuell ist es die Nummer 197″, sagt Tochter Sige und lacht.
Für Henning und Eike beginnt der Morgen um 4 Uhr mit dem ersten Rundgang und den Melkvorbereitungen. Ab 5 Uhr wird das Ehepaar unterstützt von einem Auszubildenden sowie von Tochter Sige und vom zukünftigen Schwiegersohn Tade, der einst als Lehrling auf diesem Hof anfing und inzwischen seinen Master in Agrarwissenschaften macht. Im Sommer heiratet er Sige, die Tiermedizin studiert. Gemeinsam wollen sie eines Tages den Hof übernehmen.

10 Jahre AgrarScouts
Dialog lebt von Menschen
Als AgrarScouts engagiert sich Familie Jürgensen für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Ihre Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.
Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.
Eine Familie, vier Wege
Vier Kinder, vier unterschiedliche Geschichten. Lienke, 25, hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitet heute in der Tierbedarfsbranche. Sie ist Vegetarierin, und trotzdem – oder gerade deshalb ist sie, wie Mutter Eike sagt, „ein tolles Sprachrohr für die Landwirtschaft“. Sige, die Zweitälteste, und Tade heiraten im Sommer. Beide werden die Hofnachfolge antreten. Rutje, 18, steht kurz vor dem Abitur. Den Hof übernehmen möchte sie nicht. Diese Entscheidung traf sie nach dem Unfalltod ihres Bruders Sünke Hein.
Der Zusammenhalt der Familie ist greifbar. Nicht nur in der Not, auch im Alltag: An Wochenenden helfen Lienke und Rutje häufig auf dem Hof mit. An Feiertagen, wenn die Angestellten frei haben, arbeitet die ganze Familie gemeinsam: Henning und Eike, Sige, Lienke, Rutje. Es ist ein Ritual, „das ist uns allen ganz wichtig“, sagt Henning Jürgensen.
Offen sein kann man lernen
2016 meldeten sich Mutter und Tochter als Gründungsmitglieder bei den AgrarScouts an, einem Verbund von rund 800 Landwirtinnen und Landwirten aus ganz Deutschland, der den Dialog mit Verbraucherinnen und Verbrauchern sucht. Zwei Jahre später schlossen sich Sige und Vater Henning an.

Was die Teilnahme an den AgraScouts der Familie gebracht hat? „Wir haben gelernt, über den Tellerrand beziehungsweise das Hoftor zu schauen“, sagt Eike Jürgensen.
Grundsätzlich erfahren sie kaum Kritik von Verbrauchern. Nur an einem Aktionstag „Landwirt für einen Tag” hatte sich eine Tierschützerin angemeldet, um auf dem Hof mitzuarbeiten. Tatsächlich war sie auf der Suche nach Missständen. Sie fand keine. Abends verließ sie den Hof zufrieden.
Wiederkehr als Versprechen
Als der Trecker nach dem Rundgang hält und die Pastorinnen und Pastoren absteigen, ist die Stimmung eine andere als beim Aufstieg. Wer den 450 Tieren vom Hof Jürgensen begegnet ist, wer gesehen hat, wie hier gearbeitet, als Familie zusammengehalten und gelebt wird, der trägt etwas mit. Das Pastorenkonvent hat bereits angekündigt, wiederkommen zu wollen. Vielleicht ist das das Beste, was ein Hof leisten kann: nicht nur Nahrung zu erzeugen, sondern auch Verständnis bei anderen.