In einer Branche, die noch immer stark von Tradition geprägt ist, braucht es Mut, den eigenen Weg zu gehen. Dr. Anna Catharina Voges hat diesen Mut bewiesen: Sie hat den Familienbetrieb in der Nähe von Leipzig übernommen und eigene Vorstellungen von Führung entwickelt. Sie setzt sich für mehr Chancengleichheit bei der Hofnachfolge ein. Im Gespräch erzählt sie, welche Rolle ihre Eltern als Vorbilder spielten und was sie jungen Frauen rät, die vor der Entscheidung einer Hofübernahme stehen.
„Der oder diejenige, der die größte Leidenschaft für die Landwirtschaft hat, sollte den Hof erhalten“
Dr. Anna Catharina Voges
Zwischen Vorbildern und alten Rollenbildern
Aufgewachsen auf einem Ackerbaubetrieb in Niedersachsen, war der direkte Kontakt zur Landwirtschaft für Anna Catharina Voges von Beginn an selbstverständlich. Schon mit 14 oder 15 wollte sie Trecker fahren lernen und Feldarbeiten selbst erledigen. Nach dem Abitur überlegte sie, Tiermedizin zu studieren, doch dann entschied sie sich ganz konkret für Agrarwissenschaften.
Ihren Vater erlebte sie als Visionär: Wie er den Familienbetrieb in Hameln führte, sich um betriebliche Weiterentwicklung bemühte und schließlich 1992 einen neuen Hof bei Leipzig aufbaute. Dieser Prozess prägte sie nachhaltig.
Nicht nur der Vater, auch die Mutter lebte wirtschaftliche Eigenständigkeit vor: Sie führte einen eigenen Forstbetrieb und war engagierte Kreisvorsitzende der Landfrauen. Ein Rollenbild, mit dem Voges und ihr Bruder ganz selbstverständlich aufwuchsen, ohne dass die Eltern je Erwartungsdruck zur Hofübernahme ausübten. „Mein Vater hat es unterstützt, dass Frauen ihr eigenes Vermögen haben und eine Altersvorsorge. Beide Elternteile hatten einen starken Einfluss auf mich“, erzählt sie. Vorbilder waren auch Betriebsleiter anderer Höfe, auf denen sie Praktika absolvierte und deren Konzepte und Arbeitsweisen sie beeindruckte.
Im weiteren Umfeld der Familie zeigten sich klassische Rollenbilder dagegen deutlich hartnäckiger: Die Oma fragte den Bruder wiederholt, wann er denn auf den Betrieb zurückkomme, obwohl dieser sich längst für ein Jurastudium entschieden hatte.

Die Hofnachfolge ist emotional, individuell, wirtschaftlich und persönlich zugleich. Voges betont, wie wichtig offene Gespräche sind, nicht nur über Vermögenswerte und die fachliche Übergabe, sondern auch über Erwartungshaltungen, Führungsstil und Betriebskonzept. „Wenn die Übergabe dann erfolgt ist, darf man nicht aufhören, miteinander zu sprechen“, sagt sie. Der Senior könne sich noch um bestimmte Dinge kümmern und auch die Übernehmerin entwickle sich im laufenden Prozess weiter. Alles gute Gründe, weiterhin über die Themen zu sprechen, die mit der Hofnachfolge zusammenhängen, auch gefühlsmäßig.
Dass bei ihr der ältere Bruder den 2.500 Hektar großen Hof nicht übernahm, sondern Jurist wurde, war für sie kein Hindernis, sondern eine Chance. „Der oder diejenige, der die größte Leidenschaft für die Landwirtschaft hat, sollte den Hof erhalten“, ist ihre klare Haltung. Noch immer sei es in vielen Familien verankert, dass der älteste Sohn den Hof übernimmt, erzählt Anna Catharina Voges.
Dies liege auch an einer deterministischen Interpretation der Niedersächsischen Höfeordnung. Vielfach herrsche die Auffassung, dass dieses Gesetz die Weitergabe des Hofes ausschließlich an den ältesten Sohn vorschreibe. In Wirklichkeit lässt die Höfeordnung den Erblassern aber große Freiheiten bei der Entscheidung über die Nachfolge. „Freiheit heute bedeutet, dass man zwischen den Kindern entscheiden kann und nicht nur nach dem Geschlecht gehen muss“, sagt sie.
Führung mit Weitsicht
Heute führt Anna Catharina Voges den Betrieb mit zehn Mitarbeitenden in ihrem eigenen Stil. „Zuerst habe ich mich am Stil meines Vaters orientiert, aber im Laufe des Abnabelungsprozesses habe ich meinen eigenen Stil entwickelt“, erzählt sie. Ihre Leitplanken seien weiter gefasst: „Ich gebe meinen Mitarbeitenden mehr Spielraum. Sie arbeiten zielführend, aber ich schreibe ihnen nicht jeden Schritt vor.“
„Wenn Frauen einen Hof übernehmen möchten, haben sie auch ein Recht dazu.“
Den größten Wendepunkt beim Hineinwachsen in ihre Rolle beschreibt Voges als Ablöseprozess von der prägenden Präsenz ihres Vaters. Auch wenn er sich bewusst zurückhielt, wirkte sein Einfluss über die Mitarbeitenden weiter: Sie spürten, ob der Senior wirklich hinter einer Entscheidung seiner Tochter stand. Gelöst wurde der Konflikt, indem ein externer Betriebsleiter die operative Führung übernahm, neutral und unbelastet von familiären Generationenfragen, während sie sich auf die strategische Verantwortung konzentrierte.

Heute ist sie vor allem im Büro tätig. Ihr Tag ist vielseitig: Budget- und Liquiditätspläne aktualisieren, Ergebnisse mit Buchhaltung und Betriebsleiter besprechen, Sanierungskonzepte für das Rittergut bei Leipzig entwickeln, das Teil des landwirtschaftlichen Betriebes ist und abends Pilates. Ein Leben, das zeigt: Landwirtschaft und persönliche Balance schließen sich nicht aus.
Jungen Frauen, die Höfe übernehmen möchten, rät sie: „Selbstvertrauen haben, gute landwirtschaftliche und ökonomische Fähigkeiten besitzen. Wenn Frauen einen Hof übernehmen möchten, haben sie auch ein Recht dazu.“
Außerdem sollten sie Veranstaltungen besuchen und Netzwerke nutzen. All das helfe, sich auszutauschen und mit dem Thema zu wachsen. „Tatsächlich wird man erstaunt sein, wie viele Frauen heute landwirtschaftliche Unternehmerinnen beziehungsweise in leitenden Positionen im Agribusiness tätig sind“, freut sie sich.