Wie Marie Schomburg beweist, dass Landwirtschaft weiblich kann – und immer schon war
Der Morgen riecht nach Erde. Am Deister, südöstlich von Hannover, liegt der Hof der Familie Schomburg. Dreißig Hektar Land, auf dem Zuckerrüben, Weizen, Raps und Mais angebaut wird. Marie kennt jeden Meter davon, nicht erst seit ihrer Ausbildung, sondern seit sie klein genug war, um auf dem Beifahrersitz des Treckers kaum über das Armaturenbrett zu schauen. Heute, kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag, sitzt sie selbst am Steuer.
Und das ist keine Selbstverständlichkeit – noch nicht für alle, die ihr begegnen.
„Es gibt ein magisches Prinzip, das auf Muskeln und Kopf basiert, nämlich die Balance zwischen Kraft und Köpfchen.“
Marie Schomberg, Landwirtin
Maries Mutter kommt aus der Stadt, die Familie mütterlicherseits hat wenig Bezug zum Land. Bei Marie war das anders. Die Leidenschaft für die Landwirtschaft war einfach immer da. Als Kind spielte sie am liebsten auf dem Hof. In den Ferien half sie auf dem benachbarten Milchviehbetrieb mit, fütterte die Tiere, beobachtete die Kühe und lernte ihren Rhythmus kennen. Die Arbeit mit den Tieren hat sie früh fasziniert. „Es ist toll mitzuerleben, wie etwas wächst“, sagt Marie heute. „Man sieht, was man geschafft hat, wofür man gearbeitet hat, wenn man die Ernte einholt. Und es ist ein schönes Gefühl, Lebensmittel zu produzieren und gleichzeitig die Natur zu erhalten.“
Nach der Schule machte sie das, was für viele junge Frauen vor einer Generation noch undenkbar gewesen wäre: Sie besucht die Fachschule für Agrarwirtschaft und schließt diese in rund zwei Jahren als Betriebswirtin für Agrarwirtschaft ab. Früher, erinnert sie sich, besuchten Frauen die Hauswirtschaftsschule, wie ihre Großmutter. Eine Ausbildung zur Landwirtin, eine Betriebsleitung, das war damals Männersache. „Heute können Frauen auch landwirtschaftliche Betriebe leiten“, sagt Marie. „Das stelle ich mir auch für mich vor.“
Zwei Betriebe, eine Idee
Was Marie heute verbindet, ist mehr als Nachbarschaft. Der Schomburg-Hof, den ihr Vater und sie im Nebenerwerb bewirtschaften, und der nicht weit entfernt gelegene Milchviehbetrieb sind Partnerbauernhöfe, gewachsen aus gelebter Nachbarschaftshilfe. Marie arbeitet auf beiden Seiten: auf dem eigenen Acker und bei den 120 Milchkühen des Nachbarbetriebs.

10 Jahre AgrarScouts
Dialog lebt von Menschen
Als AgrarScoutin engagiert sich Marie Schomburg für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Ihre Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.
Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.
Die Kühe dort leben in einem offenen Boxenlaufstall mit Außenbereich, eingeteilt in zwei Gruppen. Sie werden von einem Melkroboter versorgt. Das gibt den Tieren einen selbstbestimmten Tagesablauf. Sie entscheiden selbst, wann und wie oft sie gemolken werden möchten. Marie schätzt das. Es entspricht ihrer Überzeugung, dass gute Landwirtschaft bedeutet, im Einklang mit dem zu arbeiten, was wächst und lebt, ob Pflanze oder Tier.
Auf dem eigenen Hof denkt sie ähnlich. Das Land liegt im Wasserschutzgebiet: Bestimmte Pflanzenschutzmittel und Dünger sind verboten, Gülle übernimmt die Düngung, und Marie hat sich vorgenommen, die Bodenbearbeitung so weit wie möglich zu minimieren. Der Boden soll atmen dürfen.
Netzwerk unter Frauen
2025 nahm Marie an einer Schulung der AgrarScouts teil, empfohlen von einer Freundin. Was sie erlebte? „Das war toll“, sagt sie. „Ich habe mich gleich sehr gut mit den anderen verstanden. Man trifft sich, um gemeinsam zu lernen, und führt Gespräche auf Augenhöhe.“ Es entstanden Freundschaften, ein funktionierendes Netzwerk, besonders unter den Frauen. „Die Hilfsbereitschaft ist groß. Die AgrarScouts sind eine super Gemeinschaft.“
Marie beobachtet, dass immer mehr Frauen in der Landwirtschaft aktiv werden, an der Fachschule, auf den Höfen, in Führungspositionen. „Früher waren sie auch schon da“, sagt sie, „aber sie haben sich eher im Hintergrund gehalten.“ Ihre Oma ist Beweis dafür: Sie kam selbst von einem Bauernhof und fuhr Trecker, lange bevor das als selbstverständlich galt.
Körperliche Kraft, so Marie, ist längst kein Argument mehr gegen Frauen in der Landwirtschaft. Moderne Maschinen gleichen Vieles aus. Große Landmaschinen fahren? Kein Thema. „Frauen schaffen das alles“, sagt sie sachlich. „Es gibt ein magisches Prinzip, das auf Muskeln und Kopf basiert, nämlich die Balance zwischen Kraft und Köpfchen.“
Zwischen Land und Stadt
Durch die Familie ihrer Mutter hat Marie früh gespürt, wie weit sich Stadt- und Landbevölkerung auseinandergelebt haben. Die Fragen der städtischen Verwandten kreisen oft um den Lebensmitteleinkauf: Bio oder regional? Was ist besser? Marie beantwortet sie geduldig. Sie weiß, dass das keine Gleichgültigkeit ist, sondern Unwissen, und das lässt sich ändern. Auch dafür stehen die AgrarScouts.
Ihr eigenes Leben wird diese Verbindung bleiben: Hof und Welt, Tier und Boden, Tradition und Zukunft. Sie will den Betrieb weiterführen, parallel woanders arbeiten, beides verbinden. Und den Traum von Acker und Tier, den sie als Kind auf dem Beifahrersitz des Treckers träumte, leben. Und bei allem, was sie tun wird, hält sie sich an das magische Prinzip, nämlich an die Balance zwischen Kraft und Köpfchen.