Friedrich Dieckmann: Was Landwirtschaft wirklich bedeutet
Grünspargel mit SystemAuf dem Familienhof Dieckmann wächst Grünspargel als Dauerkultur. Durch Fruchtfolge und kleinere Feldstrukturen fördert der Betrieb Bodenqualität und Artenvielfalt.
Landwirtschaft ist komplexAuch auf dem Hof in Lippetal erschweren schwankende Weltmarktpreise, steigende Umweltanforderungen und zunehmend unberechenbares Wetter die Planung – wirtschaftliche Risiken trägt der Betrieb selbst.
Digital für mehr PräzisionMit Robotern, Drohnen und Spot-Spraying testet Friedrich Dieckmann neue Technik, um Pflanzenschutzmittel gezielt einzusetzen und bis zu 90 Prozent einzusparen.
Durch die großen Fensterscheiben seines gemütlich eingerichteten Wohnbereichs mit angrenzender Terrasse schaut Friedrich Dieckmann direkt auf die Pferdekoppel, auf der das Pferd seiner Schwester und fünf Pensionspferde weiden. An manchen Tagen verirren sich sogar Hasen und Fasane auf seine Veranda, erzählt der junge Landwirt und lacht.
„Landwirtschaft ist super komplex, und das Klima wird immer unberechenbarer.“
Der 29-Jährige lebt auf dem Familienhof in Lippetal im sogenannten Altenteiler, ein Haus, das 2013 für seine Großeltern gebaut wurde, und wo er nach dem Tod seines Großvaters mit seiner Oma bis zu ihrem Ableben eine „Art WG” führte, beschreibt er. Gemeinsam mit seinem Vater Wilhelm bearbeitet der studierte Betriebswirt insgesamt rund 110 Hektar Ackerland und 20 Hektar Wald, aus dessen Holz sie Hackschnitzel produzieren und damit für ihre Gebäude Wärme für Heizung und Warmwasser erzeugen.
Auf Grünspargel spezialisiert
Der Betrieb, der ungefähr 50 Autominuten von Münster entfernt liegt, hat sich auf den Anbau von qualitativ hochwertigen Grünspargel spezialisiert. Mitte April beginnt die Saison des königlichen Gemüses, das früher ein Luxusgut für Adelige war und noch heute aufwendig von Hand gestochen wird. „Bis Ende Juni ernten wir den Spargel, der anders als sein ‚weißer Familienangehöriger‘ über der Erde geerntet wird und zu den Dauerkulturen zählt, weil er nur alle zehn Jahre wieder neu angebaut werden muss.“
Zusätzlich zum Grünspargel bauen Vater und Sohn Weizen, Gerste, Triticale, Ackerbohnen und Mais an. Eine fünfgliedrige Fruchtfolge, die auf jeweils rund fünf Hektar kleinen Feldern ausgesät werden. „Mit der Ackeraufteilung sichern wir Rückzugsräume für Niederwild. Die Erhaltung der Tier-und Insektenvielfalt ist uns sehr wichtig. Wir legen auch Blühwiesen an“, erklärt Teilnehmer der RTL-Show „Bauer sucht Frau“, der in Berlin und Münster seinen Bachelor gemacht und zuvor eine landwirtschaftliche Lehre sowie ein Auslandsjahr in Neuseeland absolviert hat.
Subventionen schützen Lebensmittelpreise
„Ich wollte das Großstadtleben kennenlernen und war an der Uni in Berlin der Einzige, der von einem Bauernhof kam“, erinnert sich Friedrich Dieckmann. „Schon damals habe ich die Unkenntnis meiner Kommilitonen gespürt, was das Thema Landwirtschaft angeht. Sie wussten zum Beispiel nicht, wie grüner Spargel wächst und welche Arbeit dahintersteckt. Dabei sind es die Landwirte, die die Gesellschaft ernähren. Ich sage immer, ohne Nahrung brauchen wir auch keinen Arzt mehr. Einige meiner Social Media Follower denken, dass wir super reich wären, weil sie die großen Landmaschinen, unsere Felder und das große Haus sehen. Sie meinen, dass wir von den Subventionen leben würden. Dabei schützen diese nur die Lebensmittelpreise der Verbraucher. Denn unsere Kosten für den Erhalt der Umwelt und die Verbesserung des Tierwohls steigen regelmäßig an. Diese Aufwendungen müsste sich theoretisch auf die Lebensmittelpreise auswirken“, argumentiert der Landwirt, der mit unterschiedlichsten Vorurteilen konfrontiert wird.
Friedrich Dieckmann setzt beim Anbau auf moderne Technik: Mit Robotern, Drohnen und präzisem Spot-Spraying spart er bis zu 90 Prozent Pflanzenschutzmittel und schützt so Boden und Klima. Foto: privat
„Dass wir gar keinen Einfluss auf die Preisgestaltung haben und heutzutage mit einem Weltmarkt, an dem auch viele Niedriglohnländer beteiligt sind, konkurrieren müssen, bedenken viele nicht. Auch das ständig schwankende und nicht vorhersehbare Wetter macht es uns nicht leichter.“ Hinzukomme, so Dieckmann, dass Landwirte grundsätzlich an die nächste Generation denken würden, die ihre landwirtschaftlichen Betriebe übernehmen. „Wir wollen den Nachfolgern einen gesunden und ertragreichen Boden hinterlassen und versuchen, auch deshalb keine hohen Kredite anzuhäufen.“
Was ihn besonders irritiert: „Viele Leute glauben, dass Landwirtschaft so einfach ginge, nach dem Motto, ach, das wächst schon. Aber viel Dünger bedeutet nicht gleich viel Ernte. Landwirtschaft ist super komplex, und das Klima wird immer unberechenbarer.“
Der Hebel zu mehr Boden- und Klimaschutz
Trotz der vielen Herausforderungen, die der Beruf mit sich bringt, hat sich Friedrich Dieckmann nach seinem BWL-Studium dafür entschieden, auf den Familienhof zurückzukehren. „Ich liebe die Arbeit mit der Natur und freue mich darüber, täglich mitzuerleben, wie sich mein Einsatz langsam zu hochwertigen Nahrungsmitteln entwickelt. Außerdem finde ich es gut, dass wir Landwirte den Hebel in der Hand halten, unsere Böden zu schützen und damit auch das Klima verbessern zu können.“
Dafür testet der Ackerbauer unter anderem moderne Technologien und Gerätschaften wie Roboter, Drohnen oder präzise Spot-Spraying-Verfahren. „Mit einem solargetriebenen Roboter habe ich Raps ausgesät. Ich habe auch Pflanzenschutz-Spritzen eingesetzt, die punktuell Unkräuter benetzen. Eine tolle Lösung, da man mit ihrer Hilfe bis zu 90 Prozent Pflanzenschutzmittel einsparen kann. Mit einer Drohne konnte ich Zwischenfrüchte in ein noch nicht abgeerntetes Feld streuen, sodass nach der Ernte bereits die ersten Keimlinge sichtbar waren“, erzählt der Landwirt.
Friedrich Dieckmann ist überzeugt, dass Landwirtschaft digitaler wird – und träumt von einer Kulturpflanze, die ohne Dünger und Pflanzenschutz auskommt. Foto: privat
„Die neue Generation an Landwirtinnen und Landwirten wird in Zukunft noch digitaler arbeiten und auch mehr und mehr Künstliche Intelligenz nutzen“, glaubt der Nordrhein-Westfale. „Betriebe werden größer oder diverser werden und zum Beispiel auch mit Energiegewinnung Erträge erzielen. Wir werden aber auch, bedingt durch den Klimawandel, neue Kulturen anpflanzen.“
Was er sich wünschen würde, um den Ansprüchen der Verbraucherinnen und Verbraucher gerecht zu werden? „Eine Kulturpflanze, die bei allen Konsumenten sehr beliebt ist und weder Pflanzenschutzmittel noch Dünger benötigt und gleichzeitig allen Witterungsverhältnissen trotzt. Das wäre mein Traum als Ackerbauer.“
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