Auf dem Travenhof von AgrarScout Lars Christian Wichmann werden aus kleinen Umwegen große Aha-Momente. Über 3.000 Meter verschlungene Wege führen durch ein riesiges Labyrinth. Wer sich in diesen Maisdschungel wagt, verliert schnell die Orientierung und beginnt genau in dem Moment, Landwirtschaft zu begreifen.
Tausende Maispflanzen ragen bis zu 4 Meter hoch in den blauen Sommerhimmel. Fröhliche Stimmen dringen gedämpft durch die dichten, grünen Pflanzenwände. „Wir waren doch eben schon mal hier“, ruft eine Stimme verwundert. „Dann gehen wir jetzt eben rechts herum“, ertönt die Antwort. Raschelnde Schritte, ein lautes Knacken und Kichern und schon verschwinden die Irrläufer im nächsten Gang des Irrgartens.
Publikumsmagnet Maislabyrinth
Es braucht Zeit und einen guten Orientierungssinn, um im Maislabyrinth auf dem Travenhof in Reinfeld ans Ziel zu kommen. „Der Schnellste war nach 45 Minuten wieder draußen“, sagt Landwirt Lars Christian Wichmann aus Schleswig-Holstein. „Andere brauchen schon mal drei bis vier Stunden.“ Manchmal gehe auch jemand verloren. Dann hilft ein Blick auf die Eintrittskarte. „Da steht eine Notfallnummer drauf. Wir können die Leute dann leicht orten und zum Ausgang begleiten“, sagt der 33-Jährige und lacht. Vor zwei Jahren hat der vierfache Vater den Irrgarten auf seinem 180 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb angelegt. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich das Maislabyrinth zum Publikumsmagneten. Bei gutem Wetter stehen bis zu 80 Autos auf dem Parkplatz. Familien aus der Umgebung, Ausflügler aus Hamburg, vom Kindergartenkind bis zum Rentner mit Rollator, sie alle kommen hierher, gerne auch zum wiederholten Mal.

Öffentlichkeitsarbeit als Schlüssel
„Als ich vor zehn Jahren nach dem Studium der Agrarwissenschaften den Travenhof von meinen Eltern übernommen habe, hatte ich das Gefühl, dass wir ganz schön weit weg von den Verbraucherinnen und Verbrauchern sind“, sagt Wichmann. Öffentlichkeitsarbeit sei deshalb für ihn zum Schlüssel geworden: „Wer nichts tut, der braucht sich auch nicht beschweren.“ Bewusst öffnet der Landwirt den Travenhof für Schulklassen, Familien und alle Interessierten, die mehr über die Landwirtschaft erfahren wollen. Tiere zum Streicheln, wie Ziegen und Kaninchen und ein großer Spielplatz gehören genauso zu dem konventionell geführten Betrieb wie die 1.800 Mastschweine, die auf Stroh und zum Teil mit Freilauf in der Haltungsstufe 2 bis 4 gehalten werden. Auch sechs Hühnermobile stehen auf den Wiesen, in denen rund 2.500 Hennen leben und täglich ihre Eier legen.
Landwirtschaft „light“
Für Wichmann sind die Freizeitangebote auf seinem Hof eine direkte Verbindung zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. „Durch das Maislabyrinth entsteht ein ganz besonderes Erlebnis“, sagt er. „Die Menschen haben Spaß und bekommen gleichzeitig einen Einblick, wo die Lebensmittel herkommen, die sie täglich essen.“ Landwirtschaft „light“ vermitteln, so beschreibt der 33-Jährige seinen Ansatz. Sechs Wissens-Stationen stehen mitten im Labyrinth, dazu gibt es große Info-Schilder am Feldrand. In einfacher Sprache und mit anschaulichen Bildern erfahren die Gäste, was hier wächst, wie viel Öl aus einem Rapsfeld gewonnen wird oder warum bestimmte Anbauformen und Blühstreifen wichtig sind. „Es braucht keine langen Erklärungen“, sagt Wichmann. „Hauptsache, die Besucherinnen und Besucher nehmen etwas mit und fahren mit einem guten Gefühl nach Hause.“

10 Jahre AgrarScouts
Dialog lebt von Menschen
Als AgrarScout engagiert sich Lars Wichmann für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Seine Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.
Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.
Besuch im Hofladen
Oft kommen die Maislabyrinth-Besucher in den Hofladen, um Produkte, wie Mehl oder Müsli aus eigener Herstellung zu kaufen. „Es entwickeln sich tolle Gespräche“, so der Landwirt weiter „Viele Hofgäste haben konkrete Fragen zur Landwirtschaft“, sagt Wichmann. Sie wollen mehr wissen über Tierhaltung oder Pflanzenschutz. Komplexe Themen, die oft auf Halbwissen beruhen. „Die Informationen stammen oftmals nur durch einen schnellen Blick ins Internet. Aber das genügt natürlich nicht, um die Hintergründe zu verstehen.“ Lars Christian Wichmann erklärt es den Fragenden geduldig direkt vor Ort. Warum ein Hühnermobil oder Schweine, die auf Stroh stehen und einen Auslauf haben, nicht automatisch „bio“ sind. Oder warum auch ein Tier mit Antibiotika behandelt werden sollte, wenn es krank ist. „Wenn wir mit einer starken Erkältung zum Arzt gehen und Medizin bekommen, warum muss das beim Tier anders sein?“, so Wichmann.
Engagement als AgrarScout
Als Agrarscout der ersten Stunde macht sich Lars Christian Wichmann seit 10 Jahren für die moderne Landwirtschaft stark. Der Austausch mit den Konsumentinnen und Konsumenten hat sich im Laufe der Jahre verändert: „Die Menschen sind offener geworden“, erklärt der Landwirt. Vor allem die Corona-Krise habe zu mehr Verständnis geführt. Viele würden heute stärker unterscheiden zwischen „ihrem“ Bauern aus der Nachbarschaft und der anonymen Agrarindustrie. „Wenn man seinen Bauern von nebenan kennt, dann ist es für viele Verbraucherinnen und Verbraucher in Ordnung, wenn dieser mehrere tausend Tiere hält. Entscheidend sind die Nähe und der Bezug zu ihm“, betont Wichmann. Gleichzeitig bleibe die Branche insgesamt unter Druck. „Wir müssen viel besser erklären, warum landwirtschaftliche Betriebe heute so groß sein müssen, um überleben zu können.“ Für Wichmann ist Landwirtschaft mehr als ein Wirtschaftszweig. „Wir sind nicht nur ein Unternehmen, das Lebensmittel produziert, wir sind auch ein wichtiger Teil der Gesellschaft, der sich für die Kulturlandschaften einsetzt und Arbeitsplätze schafft“, führt Wichmann weiter aus.
Nähe durch Erlebnis
Zurück im Maislabyrinth hallen Stimmen und Gelächter durch die endlosen Reihen. Bis in die Abendstunden irren die Besucherinnen und Besucher begeistert umher. Zwischendurch legen sie eine kurze Pause an den Lern- und Informationsstationen ein und sammeln Stempelabdrücke, um am Ende ihres Irrlaufes ein Preisrätsel lösen zu können. Ohne große Worte entsteht genau das, was Wichmann erreichen möchte: Ein nachhaltiges Erlebnis, das die Gäste berührt und ihre Neugier weckt. Am Ende führt der Weg durch das Labyrinth nicht nur hinaus aus dem Maisfeld, er bringt die Menschen auch ein Stück näher an die Landwirtschaft heran.