Auf dem Hof Lühts in Neuenmarhorst, Landkreis Diepholz, hat ein Diplom-Informatiker einen Legehennenstall neu gedacht: Sensoren messen Gewicht, Wasser- und Futterverbrauch. Beheizte Sitzstangen sorgen für Wohlgefühl. In einem Wintergarten können sich die Tiere ihre Füße trocknen und ein humanoider Roboter macht erste Gehversuche zwischen den Hennen. Dirk Siemers sagt: „Technik steigert das Tierwohl”
„Technik steigert das Tierwohl.“
Dirk Siemers, Betreiber des Hofs Lühts
Kurz nach zehn Uhr morgens öffnen sich die Klappen. Zwölftausend Hennen strömen aus dem Stall. Sie laufen vom Innenbereich in Richtung Wintergarten. Weiter geht’s durch einen überdachten Anbau ins Freie, wo sie sich abends auf dem Rückweg die Füße trocknen. Draußen erwartet sie ein weitläufiger Auslauf — bemessen für deutlich mehr Hennen, als tatsächlich im Stall leben. Bei dem morgendlichen Ritual bleibt es drinnen im Stall ruhig. „Kein Gedränge, kein Gekreische“, sagt Dirk Siemers, der Betreiber.


Diese Gelassenheit hat einen Namen: extrem geringe Besatzdichte. Der Stall ist für bis zu 15.000 Tiere zugelassen, gehalten werden aber nur 12.000. Drei Meter breite Kontrollgänge, nur zwei Reihen Volieren, viel Platz. Damit steht jeder Henne im Stall mehr Platz zur Verfügung, als selbst die Premiumstufe des Tierschutzlabels verlangt. Wer hier hineingeht, merkt schnell: Dieser Betrieb ist etwas Besonderes.
Vom Webentwickler zum Legehennenhalter
Das liegt nicht zuletzt an der Biografie seines Betreibers. Dirk Siemers ist kein Landwirt im klassischen Sinn, sondern Diplom-Informatiker mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik, ausgebildet in Oldenburg. Er hat als Webentwickler gearbeitet, eine eigene Firma gegründet und wieder verkauft, ehe er sich entschied, den elterlichen Hof weiterzuführen.
Bis dahin wurden zwei Ställe mit Bodenhaltung für rund 16.000 Hennen betrieben. Der große Freilandstall entstand vor rund sieben Jahren. Und weil sein Erbauer eben nicht nur Landwirt, sondern auch IT-Mensch ist, wurden hier von Anfang an innovative Technologien und ein Netzwerkkabel mitgedacht.
Wenn ein geplatztes Rohr zum Datensatz wird
Herzstück der Anlage ist ein Klima- und Produktionscomputer namens Viper-Touch, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lüftergeschwindigkeit steuert. Ein großer Monitor zeigt Leistungsdaten, ein Fernseher spielt rotierend Bilder der Innen- und Außenkameras ein. Doch die eigentliche Arbeit passiert im Hintergrund: Sitzstangen, die zugleich Waagen sind, erfassen kontinuierlich das Durchschnittsgewicht der Herde. Sensoren protokollieren den Wasser- und Futterverbrauch. Eine Kamera über dem Eierband zählt jedes einzelne Ei, das von den Legenestern bis zur Packstelle automatisch transportiert wird.

Was aus gesammelten Daten werden kann, zeigt ein Beispiel aus dem Alltag: Ein plötzlich erhöhter Wasserverbrauch schlug früh morgens Alarm. Kein Zeichen für durstige Hennen, sondern ein gebrochenes Kupferrohr. Ohne die Messwerte, sagt Siemers, wäre der Schaden erst bemerkt worden, wenn jemand mit nassen Füßen durch den überfluteten Stall gewatet wäre. Ähnlich half die tägliche Futterverbrauchskontrolle einmal, ein Rätsel zu lösen: Nach einer Neueinstallung schien die Herde zu wenig zu fressen. Der Grund waren keine kranken Tiere, sondern leicht verstopfte, noch feuchte Futterzubringer. Ein Detail, das erst im Abgleich der täglichen Fütterungsdaten sichtbar wurde. „Wenn ich nur einen Faktor habe, kann ich etwas entscheiden, was vollkommen falsch ist“, sagt Siemers. Erst das Zusammenspiel vieler Werte liefere eine solide Entscheidungsgrundlage.
Auch für die Tiergesundheit ist das Gewicht ein zentraler Indikator, nicht auf Ebene des einzelnen Huhns, sondern der ganzen Herde. Fallende Durchschnittsgewichte können auf Hitzestress im Sommer hindeuten, aber auch auf Wurmbefall. Eine wichtige Kennzahl dabei: Sind die Gewichte der Herde ähnlich gleichbleibend, fallen Ausreißer sofort auf, sogenannte „Kümmerer“. Das sind Tiere, die von der Herde verdrängt und nicht mehr an den Futtertrog kommen. Solche Tiere werden frühzeitig separiert und in einem eigenen Krankenabteil aufgepäppelt.
Der Mensch bleibt die beste Sensorik
So sehr Siemers auf Sensoren setzt, so sehr ist er skeptisch gegenüber der Vorstellung, Technik könne den Menschen im Stall ersetzen. Zweimal täglich gehen seine Mitarbeitenden durch die Reihen, und was sie dabei einsetzen, sind vor allem die eigenen Sinne: das Gehör, um zu erkennen, ob die Herde entspannt oder unruhig klingt; das Auge, um Gefiederzustand, Kammfarbe oder Verletzungen zu beurteilen; die Nase, um Ammoniak zu riechen, ein Zeichen für zu viel Feuchtigkeit im Stall. Ergänzt wird das durch ein bewusstes Mehraugenprinzip: Tierarzt, Futtermittelberater und Aufzüchter gehen in regelmäßigen Abständen mit durch den Stall, weil der Betrieb selbst „betriebsblind“ werden könne. „Das sind Sachen, die kann uns die Technik aktuell noch nicht sauber abnehmen“, sagt Siemers.
Sitzheizung fürs Huhn
Eine der ungewöhnlichsten Installationen im Stall sind wassergekühlte, beziehungsweise, in Siemers’ Version, wassererwärmte Sitzstangen. Ursprung der Idee ist eine brasilianische Studie, wonach Hühner rund ein Viertel ihrer Körperwärme über die Füße abgeben. In heißen, feuchten Regionen wie Brasilien oder Südostasien wird das zur Kühlung genutzt, weil Sprühkühlung dort wegen der hohen Luftfeuchtigkeit an ihre Grenzen stößt. Siemers drehte das Prinzip für seine norddeutschen Verhältnisse einfach um: Aus der Kühlung wurde eine Heizung. Pro Tier sind das rund drei Watt Wärme. Bei 12.000 Hennen kommen daraus etwa 36 Kilowatt zusammen, die den Stall neben einer Fußbodenheizung mit Wärme versorgen. Damit nicht genug: Durch die beheizte Metallstangenanlage fühlen sich neu eingesetzte Junghennen schneller wohl als in einem leeren Stall, der nur über die Luft beheizt wird.
Besuch aus fünf Kontinenten
Der Ruf des Betriebs hat sich herumgesprochen. Seit 2020 zählte Siemers rund 30 internationale Besuchergruppen aus 15 Ländern, von Irland bis China, den USA, Mexiko, Brasilien oder Ägypten. Was viele der internationalen Besucher am meisten erstaunt: die schiere Effizienz. Während anderswo Eier noch von Hand gesammelt werden, führt bei Siemers im Grunde eine einzige Person den gesamten technisierten Betrieb. Besucher aus China wiederum staunen über die geringe Besatzdichte. Dort werden auf vergleichbarer Fläche ein Tausendfaches mehr an Tieren gehalten.
Ein Roboter namens Max
Zu den Höhepunkten der technischen Projekte zählt der Einsatz des humanoiden Roboters ‚Max‘, der vom Fraunhofer-Institut Rostock im Auftrag des Stallausrüsters Big Dutchman durch die Anlage läuft. In mehreren Testrunden geht es zunächst um Grundlagenforschung: Kann Max sich im Stall orientieren, ohne umzufallen? Wie reagieren die Hennen auf ihn? „Man kann sich Max vorstellen wie einen Staubsaugerroboter, der den Raum kartografiert“, sagt Siemers.

Von einer praxisreifen Anwendung sei man noch weit entfernt, aber die Richtung ist für ihn klar. Kameragestützte KI-Systeme könnten künftig einzelne Tiere über ihr Gefieder unterscheiden und dadurch Auffälligkeiten bei einem Tier erkennen, lange bevor ein Mensch sie bemerkt. „Bisher können wir nur die Herde als Ganzes begutachten und keine Einzeltierbegutachtung vornehmen. Auch wenn eine Herde für uns zum Beispiel aus weißen Hühnern besteht, die alle vermeintlich gleich aussehen, ist jedes Tier sehr individuell“, erklärt Siemers.
Sehen wie ein Huhn – die Technik macht sich das zunutze
Hühner nehmen ihre Umwelt völlig anders wahr als wir Menschen. Neben den drei Farbrezeptoren, die auch das menschliche Auge besitzt, verfügen sie über einen vierten Zapfentyp, der ultraviolettes Licht wahrnehmen kann – einen Bereich, der für uns komplett unsichtbar bleibt. Dazu kommt ein enorm schnelles Auge: Während wir ein Bild schon ab etwa 50 bis 60 Bildwechseln pro Sekunde als flüssige Bewegung wahrnehmen, sehen Hühner Flackern noch bei rund 90 Hertz — ihre Netzhaut reagiert sogar auf mehr als 100.
Eine moderne Energiesparlampe, die für uns ruhig und flimmerfrei leuchtet, wirkt auf ein Huhn deshalb wie eine Discokugel im Dauerblitz. „Was für unsere Wahrnehmung ok ist, hat mit den Bedürfnissen der Hühner überhaupt nichts zu tun. Es ist ja schön, dass wir Energie sparen, aber aus Tierwohlgründen müssen wir die Bedürfnisse der Tiere in den Mittelpunkt rücken“, fordert Siemers auf.
Genau diesen zusätzlichen Sinn will Siemers künftig mit Kameratechnik nutzen. Teile des Hühnergefieders reflektieren ultraviolettes Licht — für uns unsichtbar, für ein Huhn nicht. Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass die Tiere einander auch daran erkennen und dass fehlendes UV-Licht im Stall sogar das Federpicken begünstigen kann. Eine Kamera, die auch im ultravioletten Spektrum „sieht“, könnte diese Unterschiede nutzen, um einzelne Hennen wiederzuerkennen. Seine Vision: eine lückenlose Einzeltiererfassung, die auf diesem Prinzip aufbaut.
Der Nutzen wäre enorm: Bislang lässt sich immer nur die Herde als Ganzes beurteilen. Mit einer solchen Einzeltiererkennung könnten Laufstrecke, Auslaufzeit oder Fressverhalten jeder einzelnen Henne erfasst werden – und damit auch gesundheitliche Auffälligkeiten viel früher als heute, wo ein Tier erst aus dem Muster der Gesamtherde herausfällt, wenn es dem Menschen schon ins Auge sticht. Diese Daten geben Aufschluss über den Gesundheitszustand: „Nur gesunde Tiere helfen mir“, sagt Siemers. Er steht auf dem Standpunkt: Wer viele Eier und wenig Verluste will, muss dafür sorgen, dass es seinen Tieren gut geht. Tierwohl und Wirtschaftlichkeit gehen für ihn Hand in Hand.
Die nächste Ausbaustufe
Siemers blickt bereits auf die nächste Ausbaustufe: Ab 2028 soll die bisherige Bodenhaltung mit 16.000 Tieren durch einen weiteren Freilandstall nach dem Vorbild des bestehenden ersetzt werden. Weniger verlegte Eier, ruhigere Abläufe, mehr Zeit für die Mitarbeitenden, sich um die Tiere statt um Ausfallquellen zu kümmern. Das ist der Mehrwert dahinter.
Wann ein Roboter auch nachts durch die Volieren patrouilliert, weiß Siemers nicht. Sicher ist für ihn nur eines: Die Technik soll nicht ersetzen, wofür Menschen im Stall unterwegs sind. Sie soll den Menschen mehr Zeit für die Tiere verschaffen und das Tierwohl steigern. „Weniger Kontakt zwischen Mensch und Tier wird es auch bei rasanten Entwicklung neuer Technologien nicht geben“, sagt er, „eher das Gegenteil.“
Titelbild: Holger Karkheck