Wer durch die Hügellandschaft des Rhein-Main-Gebiets fährt, kennt das Bild: Felder in sauberen Reihen, dazwischen wenig Raum für das, was nicht geerntet werden kann. Friedel Bellgardt bewirtschaftet seit Jahrzehnten genau diese Landschaft und hat sich trotzdem entschieden, einen Teil davon anders zu nutzen. Nicht weniger produktiv, sondern mit einem anderen Ziel: Raum für Insekten, Wildtiere und Menschen schaffen.
„Gemeinsam machen wir unsere Heimat ein klein wenig besser.“
Bellgardt ist seit 1970 Landwirt, seit 1987 führt er den elterlichen Betrieb in Hammersbach. Irgendwann begann er zu registrieren, was fehlte: Nach der Obstbaum- und Rapsblüte gab es für Bienen und Insekten nichts mehr zu holen. Die Krefelder Studie, die einen dramatischen Rückgang der Insektenbiomasse belegte, war für ihn keine Überraschung, sondern die wissenschaftliche Bestätigung dessen, was er als Bauer täglich sah.
Warum Friedel Bellgardt Blühfelder angelegt hat
1987 übernahm Friedel Bellgardt den elterlichen Betrieb. Das Anwesen liegt in lieblicher Hügellandschaft, eingebettet ins Rhein-Main-Gebiet nahe dem Taunus: Gebäude in U-Form, ein Wohnhaus, ein Wirtschaftsgebäude, eine neue Halle. Pferde schnauben in der Pension, achtzehn Hühner staksen über den Hof, eine Katze streicht um die Ecken. Auf zwanzig Hektar wechseln sich Gerste, Weizen, Mais, Raps und Kartoffeln im Rhythmus der Jahreszeiten ab.
Es ist das klassische Bild eines Familienhofes in dieser Region und doch kein gewöhnlicher. Denn Bellgardt beobachtet die Natur. Als Landwirt sieht er, was andere übersehen: Nach der Obstbaum- und Rapsblüte herrscht Stille. Für Bienen und Insekten gibt es nichts mehr zu holen. Die Felder ernähren Menschen, aber nicht die Tierwelt, die einst dazugehörte.
Dann kam die sogenannte Krefelder Studie. Wissenschaftler hatten dokumentiert, dass die Biomasse fliegender Insekten in Deutschland innerhalb von 27 Jahren um über 75 Prozent zurückgegangen war. Für Bellgardt war das keine abstrakte Statistik. Es war die Bestätigung dessen, was er selbst beobachtet hatte.
Wie aus einer Idee eine regionale Initiative wurde
Einen ersten Versuch wagte er bereits 2014: eine Aussaat auf einer kleinen Fläche, mit großer Anteilnahme der Nachbarschaft. Doch der ökonomische Unterbau fehlte. Das Projekt schlief wieder ein.
Fünf Jahre später, beim Hoffest, kamen über 2.000 Besucher. Es gab einen Streichelzoo, Musik, Fröhlichkeit, und zwischen all dem Trubel entstand eine neue Idee. Ein Blühfeld. Diesmal mit Plan.
2019 wurden auf einer 10.000 Quadratmeter großen Fläche bunte Mischungen ausgesät. Und dann kam Corona. „Zur Corona-Zeit erlebte das Blühfeld eine Hoch-Zeit“, erinnert sich der Landwirt.




Während die Welt stillstand, strömten Menschen in die Natur. Das Blühfeld mit seinem gewundenen Weg durch die Farbenpracht wurde zu einem Ort der Sehnsucht und des Innehaltens. 2020 folgte der Umweltpreis des Main-Kinzig-Kreises, kurz danach der Nachhaltigkeitspreis der Stadt Hanau. Und dann der entscheidende Schritt: die Vereinsgründung.
Patenschaften für Artenvielfalt statt Förderanträge
Die Blühfeld-Initiative Hirzbach trägt sich selbst durch Patenschaften. Rund hundert Privatpaten und etwa fünfzehn Firmen stehen hinter dem Projekt. Jede Patenschaft gilt für ein Jahr. Kein Selbstläufer. Jedes Jahr muss die Initiative neu überzeugen.
Als Dankeschön gibt es, neben einer schönen Urkunde, ein Fest und ein Glas Honig. Vom eigenen Imker versteht sich. Der erntete in der letzten Saison allein 38 Kilogramm: 76 Gläser flüssiges Gold.
Der Verein ist überschaubar, aber eingespielt: ein Landwirt, ein Imker, ein Naturfotograf, ein Schriftführer, ein Kassierer und Presseverantwortlicher, sowie eine Patenbeauftragte, die die Interessen der Unterstützer gegenüber der Initiative vertritt.
Den Startschuss zum finanziellen Durchbruch lieferte ein Zufall: Ein Mitbegründer des Vereins beging seinen runden Geburtstag und bat statt Geschenken um Patenschaften. Die Presse griff die Geschichte auf. Neue Paten folgten. Im ersten Jahr war die Initiative nahezu kostendeckend.
Wo Kinder Kartoffeln sammeln und Schwalben Nester bauen
Wer heute den Hof besucht, betritt eine kleine Wunderwelt. Inzwischen sind die Blühfelder auf die Fläche von sieben bis neun Fußballfeldern angewachsen. Angrenzend: ein eingezäunter Naturschaf-Kindergarten mit zwei bis drei Schafen auf einer Wiese mit alten Bäumen, sechzig Meter weiter ein weiteres Blühfeld.
Schulklassen sind willkommene Gäste. Im Herbst sammeln Kinder Kartoffeln ein, fahren mit dem Oldtimer-Traktor über das Gelände und nehmen die geernteten Kartoffeln mit nach Hause. Für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie begreifen: Lebensmittel wachsen in der Erde, in der Nähe und stammen aus der eigenen Region. „Die glücklichen Gesichter der Kinder und ein älterer Pate, der mit seinem Handy ein Insekt fotografieren will, das sind für mich die schönsten Komplimente“, freut sich Friedel Bellgardt.
Über dem Hof kreisen Rauchschwalben. Dreiunddreißig Nester hat Bellgardt gezählt, vom NABU ausgezeichnet. Jede Schwalbe brütet zwei- bis dreimal im Jahr, jeweils vier Junge. Am Tümpel sammeln sie feuchte Erde und suchen Pferdehaare, die sie mit bewundernswerter Präzision zu Nestern formen. Auch das hat Bellgardt beobachtet und angelegt: den Tümpel, den Misthaufen für Insekten, die Strukturen, die Leben ermöglichen.
Das Geheimnis liegt in der Saat
Die Blühmischungen sind zertifiziert und sorgfältig ausgewählt: 24 verschiedene Pflanzenarten pro Mischung, zur Hälfte einjährig, zur Hälfte mehrjährig. Das Ziel: das immer etwas blüht, bis in den November hinein. Fasane, Rebhühner, ein Dachs, Wildbienen, sie alle haben hier ein Zuhause gefunden.
Im Winter plant Bellgardt die nächste Aussaat, nimmt Kontakt zu Saatgutherstellern auf. Im Herbst werden die Flächen gegrubbert, im Frühjahr neu eingesät. Die Bestandskontinuität an manchen Standorten hat sogar zur Ansiedlung von Rebhühnern geführt. „Letztes Jahr habe ich am 10. Juli auf 2000 Quadratmetern eine Mischung verteilt. Kurz darauf begann es, zwei Wochen lang zu regnen. Das Ergebnis war verblüffend. Am 23. November sah ich auf dem Stück die letzte Blüte.“
Orientierung holen sich Bellgardt und sein Team inzwischen von renommierten Institutionen: dem Senckenberg-Institut und dem Helmholtz-Institut.
Kann das Modell auch anderswo funktionieren?
Bellgardts Botschaft ist klar: Wer nachmachen will, braucht ein ähnlich eingespieltes Team aus Ehrenamtlichen. Und ein bisschen Glück beim Start. Eine Blühfeld-Initiative funktioniert nur, wenn die Menschen dahinter es wirklich wollen.
Sein Wunsch: In jedem Landkreis sollte sich eine solche Initiative gründen, gefördert in den ersten Jahren von den Kreisverwaltungen, denn nicht überall gibt es einen runden Geburtstag zur rechten Zeit. Für Höfe mit Hofladen oder Direktvermarktung sieht er Blühfelder als ideale Ergänzung: neue Kunden, neue Bindung, positives Image. Und mehr als das: ein ehrlicher Beitrag zur Artenvielfalt. „Gemeinsam machen wir unsere Heimat ein klein wenig besser“, sagt Friedel Bellgardt.
Tatsächlich gewann die Blühfeld-Initiative Hirzbach e.V. 2025 den BeeBetter Award des Burda Verlages in der Kategorie „Gemeinsam machen wir unsere Heimat ein klein wenig besser!“, und der Titel trifft es genau.
BeeBetter Award 2026
Bewerbungen können noch bis 31. Juli 2026 an beebetter@burda.com gesendet werden. Informationen zur Teilnahme: #beebetter Award gewinnen! – Mein schöner Garten
Die besten drei Einsendungen werden mit einem #beebetter Award ausgezeichnet.
Darüber hinaus gibt es tolle Sachpreise, welche per Losverfahren unter allen Teilnehmern verteilt werden.
Häufige Fragen
Was ist ein Blühfeld?
Ein Blühfeld ist eine Fläche mit speziell ausgewählten Blühmischungen. Die Pflanzen bieten Insekten über viele Monate Nahrung und schaffen gleichzeitig Lebensräume für weitere Tierarten.
Warum sind Blühfelder wichtig?
Blühfelder fördern die Artenvielfalt, weil sie Nahrung, Schutz und Brutplätze für Insekten, Vögel und andere Wildtiere bieten.
Wie werden Blühfelder finanziert?
Bei der Blühfeld-Initiative Hirzbach übernehmen Privatpersonen und Unternehmen Patenschaften für die Flächen und finanzieren damit Aussaat und Pflege.
Kann man eine solche Initiative auch in anderen Regionen gründen?
Ja. Friedel Bellgardt sieht großes Potenzial für ähnliche Projekte in weiteren Landkreisen. Entscheidend sind engagierte Menschen, regionale Unterstützer und ein gutes Netzwerk.