Was haben eine Handvoll Erde und ein Sack Kartoffeln gemeinsam? Beide erzählen Geschichten – über Klima, Kreisläufe und eine Landwirtschaft im Wandel.
Wenn Kinder zum ersten Mal eine Kartoffel aus dem Boden ziehen, erleben sie nicht nur Erntefreude – sie lernen auch, wo ihr Essen herkommt. Der Boden ist die Grundlage unserer Ernährung. Doch wie gesund sind unsere Böden eigentlich – und wie können wir sie schützen? Genau darum ging es im dritten Thementalk der Reihe Zukunftsfelder, in dem zwei Praktiker:innen aus dem echten Leben Einblick gaben: Christiane Fuchs, Ackerbau- und Gemüsebäuerin aus Rheinland-Pfalz, und Tino Ryll, Landwirt aus Brandenburg mit Fokus auf regenerative Landwirtschaft.
Wer verstehen will, wie gesunde Böden entstehen, muss auf die Felder blicken – und den Landwirt:innen zuhören.
Warum gesunde Böden alle angehen
„Böden sind der Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit“, eröffnete Lea Fließ vom Forum Moderne Landwirtschaft die Diskussionsrunde. Sie regulieren nicht nur Wasser und Nährstoffe, sondern speichern auch Kohlenstoff und beeinflussen damit unsere Klimabilanz. Kein Wunder also, dass laut einer aktuellen Umfrage 83 % der Deutschen* den Einfluss der Bodengesundheit auf Lebensmittelqualität als hoch einstufen. Doch nur ein Viertel fühlt sich gut über moderne Methoden informiert. Der Thementalk zeigte: Wer verstehen will, wie gesunde Böden entstehen, muss auf die Felder blicken – und den Landwirt:innen zuhören. (*Quelle: Bodenkompass 2025)
Unterschiedliche Böden – gleiche Herausforderung
Christiane Fuchs bewirtschaftet mit ihrer Familie rund 120 Hektar in der Vorderpfalz, auf denen Frühkartoffeln, Zwiebeln, Getreide, Kürbisse und mehr wachsen. Ihr Ziel: „Stabile Erträge sichern und gleichzeitig Humus aufbauen.“ Dabei hat sie es mit sehr unterschiedlichen Böden zu tun – vom sandigen Boden nahe dem Rhein bis hin zu tonhaltigen Flächen Richtung Pfälzer Wald. Jede Kultur braucht den passenden Standort – eine Herausforderung, die Fuchs professionell löst, etwa mit wechselnden Fruchtfolgen und dem gezielten Einsatz von Kompost.

Tino Ryll hingegen arbeitet mit ganz anderen Voraussetzungen: Seine 500 Hektar südlich von Berlin liegen auf leichten Sandböden, unter denen oft nur wenige Zentimeter fruchtbare Erde liegen. „Darunter kommt Sand, und dann ein Eisengürtel. Das Grundwasser ist weit entfernt“, beschreibt er. Um den Ertrag zu sichern, setzt er auf einen systematischen Humusaufbau und regenerative Landwirtschaft.
Maßnahmen, die im Boden wirken
Beide Betriebe zeigen, wie vielfältig Bodenpflege sein kann:
- Zwischenfrüchte wie Ölrettich, Phazelia oder Leguminosen lockern den Boden, binden Nährstoffe und unterdrücken Unkraut.
- Kompost und organischer Dünger ergänzen Mineraldünger – wenn auch logistisch herausfordernd.
- Moderne Technik hilft, Nährstoffbedarf exakt zu analysieren. „Das ist wie ein Blutbild beim Menschen, nur für den Boden“, sagt Ryll.
- Biostimulanzien, Fermente, Schafe zur Beweidung von Zwischenfrüchten – was experimentell klingt, ist Alltag auf Rylls Betrieb.
- Vielfältige Fruchtfolgen sorgen für mehr Resilienz, bessere Bodenstruktur und weniger Schädlinge.
Was beide betonen: Die Kombination macht’s. Eine einzelne Maßnahme reicht nicht. „Wir fahren immer mindestens drei“, sagt Fuchs. „Landwirt:in zu sein, heißt auch Forscher:in zu sein“, bringt es Christiane Fuchs auf den Punkt. Beide Betriebe testen laufend neue Methoden – sei es im Kampf gegen Drahtwürmer im Kartoffelanbau oder beim Versuch, auf Mineraldünger zu verzichten.
Was Verbraucher:innen tun können
Ein gesundes Bodenleben entsteht nicht im Labor, sondern auf dem Acker – und es braucht Rückhalt. Sowohl Fuchs als auch Ryll betonen, wie wichtig Wertschätzung und der direkte Kontakt mit den Verbraucherinnen und Verbrauchern sind. Beide betreiben Hofläden, setzen auf Transparenz und Nähe zum Kunden.
Dabei zeigt sich auch, wie groß die Wissenslücken vieler Verbraucher:innen sind. „Viele Kinder wussten gar nicht, wie Kartoffeln wachsen“, berichtet Fuchs über Schulbesuche auf ihrem Betrieb. Und Ryll erzählt von Berliner Kund:innen, die zum ersten Mal Erde anfassen: „Die freuen sich richtig, wenn sie das sehen und mal riechen dürfen.“ Solche Begegnungen machen deutlich, wie weit Landwirtschaft und Gesellschaft oft voneinander entfernt sind – und wie wichtig direkte Einblicke sind, um Verständnis und Vertrauen aufzubauen.
Doch Direktvermarktung allein reicht nicht. „Wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die kleinere Familienbetriebe stärken“, fordert Ryll. Und Fuchs ergänzt: „Wir produzieren echt zu höchsten Standards. Aber wir können mit den ausländischen Produkten oft nicht mithalten.“ Dazu komme ein wachsender bürokratischer Aufwand, der viele Betriebe zusätzlich belastet.
Fazit: Was unter unseren Füßen liegt, geht uns alle an
Gesunde Böden sind Alleskönner – und bedroht zugleich. Der Thementalk machte deutlich: Viele Landwirt:innen tun längst mehr, als viele wissen. Sie experimentieren, investieren, bilden sich fort – und teilen ihr Wissen. Was sie sich wünschen? Mehr Anerkennung und mehr Unterstützung.