Frühlingswiesen sind wertvolle Lebensräume für Wildtiere, so auch für Rehkitze. Im Frühjahr werden diese Wiesen jedoch abgemäht und genau da kommen die Kitzretter zum Einsatz. Wir sprachen mit Kevin Winterhoff, Gründer des Vereins Kitzretter e.V..
Wie bist du zur Rehkitzrettung gekommen?
Seit meiner Kindheit bin ich fasziniert von der Natur und kam bereits mit 13 Jahren zur Naturfotografie. Heute bin ich 35 Jahre, Lehrer für Biologie und Sport und nach wie vor leidenschaftlicher Naturfotograf. Vor rund zehn Jahren traf ich zufällig auf eine Gruppe Jäger, die ein Feld nach Kitzen absuchten, bevor es gemäht wurde. Ich half spontan mit – und die Bilder, die dabei entstanden, haben mich nicht mehr losgelassen.

Die Folge waren Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen. Schnell war klar: Dieses Thema bewegt viele Menschen. 2021 gründete ich schließlich den Verein Kitzretter e.V. – heute haben wir 80 Mitglieder und sieben Drohnen im Einsatz.
„Wir brauchen mehr Miteinander und weniger Gegeneinander, wenn es um den Schutz junger Wildtiere geht.“
Wie läuft eine Kitzrettung in der Praxis ab?
Meistens werden wir direkt von den Landwirten oder den Jagdpächtern angerufen. In jedem Fall muss Letzterer informiert werden, da wir sonst den Tatbestand der Jagdwilderei (§292 StGB) erfüllen. Unser Suchen und Entfernen von Wild aus den zu mähenden Wiesen, muss immer unter Beteiligung oder mit Genehmigung des jeweiligen Jagdausübungsberechtigten stattfinden.

Wir sprechen mit dem Landwirt die Uhrzeit und die Flächen ab und bereiten diese am Computer vor. Diese Vorbereitung ist für uns unheimlich wichtig, damit die Drohne am Ende vollautomatisch die Wiese abfliegen kann. Wir kommen mit sämtlichem Equipment und mit meist einem Piloten sowie zwei Helfern zur Fläche und starten die Arbeit. Helfer und Pilot kommunizieren miteinander über Funkgeräte und wenn ein Wildtier gefunden wird, kann der Pilot den Helfer über das Wärmebild der Drohne perfekt zum richtigen Punkt lotsen.

Wie viele Kitze rettet ihr jedes Jahr?
Wie viele wir retten können, hängt von ganz vielen Faktoren, wie der Saisonentwicklung, der Drohnenanzahl, den kooperierenden Landwirten etc. ab. Wir steuern guten Mutes auf das Ziel von 300 geretteten Rehkitzen pro Jahr zu.

Wie hat sich die Rettung in den letzten zehn Jahren verändert?
Vor 10 Jahren war das anders, da haben wir für eine zehn Hektar große Fläche händisch 5 Stunden gebraucht und haben von zehn Kitzen neun gefunden. Das war schon großartig, aber halt nicht zeitökonomisch. Heute brauchen wir für eine solche Fläche nicht einmal 20 Minuten reine Flugzeit mit einer Drohne und das bei absoluter Sicherheit.
Die Kitzrettung ist mit der Entwicklung der Wärmebilddrohnen ein komplett anderes Spiel geworden. Es ist viel professioneller und auch näher an die Realität der Landwirte herangerückt. Heute gibt es keinen Grund mehr auf unsichere Lösungen wie „Tüten aufstellen“ oder „Außen rum mähen“ zurückzugreifen.

Was passiert mit den geretteten Wildtieren?
Die Wildtiere, meist Rehkitze, werden in eine Klappbox getan und bis zum Ende der Mahd darin verwahrt. Das bietet größtmögliche Sicherheit für den Landwirt und das Kitz. Ein Helfer bleibt meistens bis zum Ende der erfolgreichen Mahd bei den geretteten Wildtieren und lässt diese im Anschluss frei. Die Ricke holt diese nach kurzer Zeit dort wieder ab. Da wir Einmalhandschuhe und Gras verwenden, ist hier das Risiko der Geruchsübertragung nicht gegeben.

Welche Tiere rettet ihr außerdem?
Bei uns in der Gegend sind das vor allem zudem noch Junghasen. Wir haben aber auch schon Füchse und Dachse aus zu mähenden Wiesen vertrieben. In anderen Gegenden Deutschlands werden auch bodenbrütende Vögel wie Fasane und Rebhühner mitsamt Gelege gerettet.
Ist ein Landwirt zur Wildrettung verpflichtet?
Rein rechtlich gesehen, ist die Sache klar: Das Wild in der Wiese ist die Verantwortung des Landwirtes! Jagdbares Wild ist herrenlos und gehört keinem. Auch das Wild in der Wiese ist herrenlos. Da seit 2002 jedoch auch der Tierschutz mit in den §20a des Grundgesetztes aufgenommen wurde, ist es die Verpflichtung eines jeden unnötiges Tierleid zu verhindern.

Auch die Hegepflicht des Jägers, welche in §1 Bundesjagdgesetz geregelt ist, führt nicht zur Übertragung der Verantwortung auf den Jagdausübungsberechtigen, da der Landwirt für das Leben in der zu mähenden Wiese verantwortlich ist. Gleiches gilt übrigens für den Maschinenführer.
Vermäht man ein Kitz ohne vorherige Suchaktion macht man sich schuldig nach Grundgesetz, Bundesnaturschutzgesetz und Tierschutzgesetz. Die Folge sind meist Geldstrafen, die bisherigen Verurteilungen liegen bei ca. 1.000 bis 1.500 Euro pro Kitz. Es gab auch schon Verurteilungen zu Bewährungsstrafen, hier geschah das Vermähen jedoch mit Vorsatz bzw. Wissen, dass Kitze in der Wiese lagen.
Die Gefahr neben der Verurteilung liegt natürlich im Leichengift, welches Botulismus bei den Nutztieren hervorrufen kann. Gerade bei der Grassilage kann das schreckliche Folgen nach sich ziehen, da durch die Restfeuchtigkeit die gesamte Silageernte betroffen sein kann. Die Fütterung von Silage, welches vom Bakterium Clostridium botulinum befallen ist, kann zum Verlust des gesamten Milchviehbestandes führen.
Dein eindrücklichstes Erlebnis bei einem Einsatz?
Das bisher verrückteste Erlebnis hatte ich im vorherigen Jahr, als sich ein Rehkitz mit dem Sprung unter das Mähwerk retten wollte. Das hört sich erst einmal nach einer schrecklichen Geschichte an, aber sie ging gut aus.
Ich hatte einen recht spontanen Einsatz an einer sehr kleinen Waldfläche, nur noch einen Akku mit 20% Kapazität und musste die Fläche manuell abfliegen. Beim Flug entdeckte ich ein Kitz, konnte mir den Ort aber nur noch ungefähr merken. Der Landwirt und ich mähten die Außenbahn bis zu dem Punkt, von welchem wir dachten, dass es ungefähr der Ort des Rehkitzes wäre.
Als wir nach dem Kitz gemeinsam suchten, sprang das bereits mobile Kitz auf und rannte Richtung Schlepper. Dieser lief noch, weswegen ich mir unsicher war, ob das Mähwerk ebenfalls noch an war. Das war zum Glück nicht der Fall.

Das Kitz sprang, bei meinem Versuch es zu fangen, unter das Mähwerk und stand eine ganze Weile im Dunklen, direkt über ihm der Kreiselmäher. Einen Anblick, den ich nie vergessen werde. Nach einer Zeit sprang es heraus und rannte in den nahen Wald.
„Das Kitz, das ins Mähwerk sprang“ wurde anschließend in Zeitungen und dem Fernsehen veröffentlicht und erlangte so noch eine überregionale Bekanntheit.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich hoffe, dass die Rehkitzrettung in 10 Jahren das Selbstverständlichste von der Welt ist. Ich wünsche mir, dass es für jeden Landwirt und zahlreiche Helfer auf dem Land ein normaler Vorgang ist, um die Mahd zu einem zeitökonomischen und tierschutzfreundlichen Vorgang werden zu lassen. Ich hoffe, dass sich weiter viele Leute engagieren und das „Nichtsuchen“ zu einer Ausnahme wird.
Wünschenswert wäre eine größere Automatisierung vom Prozess zwischen der „Feldanmeldung“ und dem tatsächlichen Drohnenflug. Hieran arbeiten wir und andere Vereine mit Hochdruck.
Was sollten wir unbedingt beachten, wenn wir mal selbst ein Rehkitz finden?
Spaziergänger sollten sich in aller erster Linie freuen, wenn sie ein Rehkitz sehen. Rehkitze sind wunderbare Geschöpfe! Gleichzeitig brauchen diese Tiere in den allermeisten Fällen keine Hilfe. Am besten lässt man sie sofort allein und entfernt sich von dem Punkt, wo man sie gesehen hat.
Auf keinen Fall sollte man das Kitz „bewachen“ oder gar anfassen. Damit hat man in den meisten Fällen das sichere Todesurteil für das Kitz unterschrieben.
Wenn man Hunde hat und Tierfreund ist, sollte man diese von April bis Juli an der Leine führen. Das kann auch eine Schleppleine sein. Wichtig ist, dass man die Verantwortung, die man für sein Haustier hat, auch gegenüber den Wildtieren zeigt. Daher sollte man Waldwege auch nicht verlassen und landwirtschaftliche Flächen ohnehin nicht betreten.
Wie kann jede:r helfen?
Es klingt immer profan, aber wir brauchen neben Spenden tatsächlich vor allem aktive Helfer. Das Feld der Hilfe ist dabei sehr groß. Es geht dabei nicht nur um Menschen, die im Feld helfen oder Drohne fliegen. Es geht um Fotografen und Filmer, die unsere Arbeit begleiten, es geht um junge Menschen die Lust haben, eine gute Social Media Arbeit aufzubauen. Wir brauchen Helfer bei Informationsständen auf Messen und Veranstaltungen, wir brauchen gleichzeitig Politiker, die sich für diese Tierschutzthemen stark machen, ohne dabei mit dem Finger auf Landwirte zu zeigen. Wir brauchen mehr miteinander und weniger Gegeneinander!

Was muss man können, um Kitzretter*in zu werden?
Um bei der aktiven Arbeit bei uns mitzumachen, muss man Mitglied bei uns sein. Der Hintergrund davon ist, dass wir wissen wollen, wen wir da als Helfer rausschicken. Wir schulen unsere Mitglieder im Umgang mit der Rehkitzrettung sehr genau und können somit sicherstellen, dass die Arbeit wirklich professionell abläuft.
Mehr Infos findest du auf www.kitzretter.de