„Netzwerken bedeutet nicht, möglichst viele Kontakte zu sammeln. Es bedeutet, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen“, lautet das Motto von Hella Otten, Gründerin und Initiatorin des Netzwerkes Women in Agribusiness (WiA)
Im Sommer 2017 liest Hella Otten im Urlaub ein Zitat, das sie nicht mehr loslässt: „Wer Wissen teilt, schafft Netzwerke. Netzwerke ermöglichen Zusammenarbeit. Und aus Zusammenarbeit kann Neues entstehen.“ Wenige Wochen später, im Oktober desselben Jahres, lädt die studierte Agraringenieurin in Bremen zu einem ersten Treffen ein. Rund zwanzig Frauen aus dem Agribusiness kommen. Es ist die Geburtsstunde von „Women in Agribusiness“, einem Netzwerk, das heute bundesweit rund 120 Frauen verbindet und aus einer spontanen Idee gewachsen ist.
„Das kannst du, mach das!“
Hella Otten, Gründerin Women in Agribusiness
Wer verstehen will, warum Hella Otten dieses Netzwerk gegründet hat, muss ihren Weg zurückverfolgen.
Zwischen Hof, Hörsaal und Handelsraum
Hella Otten wächst auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Niedersachsen auf. Die Landwirtschaft ist für sie kein Berufsfeld, das sie sich später aussucht, sondern eine Selbstverständlichkeit, mit der sie groß wird. Nach dem Abitur studiert sie Agrarwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und schließt als Agraringenieurin ab.
Was folgt, ist allerdings kein klassischer Weg auf den heimischen Hof, sondern ein Sprung in eine Welt, die zu jener Zeit fast ausschließlich Männern vorbehalten ist: 23 Jahre arbeitet sie bei der Bremer Landesbank und später bei der NORD/LB, baut dort das Risikomanagement für Rohstoffe und Handelswaren auf und beschäftigt sich intensiv mit Agrarmärkten, Handel und Warenterminbörsen. Seit mehr als fünf Jahren ist sie nun bei der AGRAVIS Raiffeisen AG im Bereich Agrarerzeugnisse tätig, heute mit Schwerpunkt Veranstaltungsmanagement, unter anderem organisiert und moderiert sie den AGRAVIS Commodities Day.
Landwirtschaft, sagt Otten rückblickend, habe sie ihr ganzes Leben lang begleitet. Einen festen Karriereplan habe sie dabei nie verfolgt. „Vieles hat sich entwickelt, weil ich neugierig war, Verantwortung übernommen und Chancen genutzt habe.“ In Bereichen wie Agrarhandel, Finanzwirtschaft und Risikomanagement habe sie sich immer wieder behaupten müssen. Geholfen habe ihr dabei ein Grundsatz, den sie schon auf dem elterlichen Hof gelernt hat: Die Arbeit nicht nur anzufangen, sondern auch zu Ende zu bringen.
Eine Lücke, die niemand füllte
Was in diesen Jahren fehlte, war nicht Fachkompetenz, die brachte Otten mehr als genug mit. Es fehlten Menschen, mit denen sie bestimmte Fragen offen hätte besprechen können. „Gerade zu Beginn meines Berufslebens hätte ich mir manchmal eine Mentorin oder einen Coach gewünscht“, erzählt sie. Diese Erfahrung wurde zum Ausgangspunkt für das, was Jahre später WiA werden sollte: Eine bundesweite Plattform von Frauen für Frauen, quer über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg, etwas, das es im deutschen Agribusiness bis dahin nicht gab.
Otten wollte dabei möglichst die gesamte Wertschöpfungskette zusammenbringen: von Landwirtschaft und Agrarhandel über Genossenschaften, Industrie, Landtechnik, Futtermittel, Saatgut und Pflanzenschutz bis hin zu Wissenschaft, Beratung, Banken, Recht und Kommunikation.
Bewusst ist WiA dabei kein offenes Netzwerk zum formlosen Beitritt. Neue Mitglieder kommen in der Regel über persönliche Empfehlungen aus dem bestehenden Kreis hinzu. Ein Prinzip, das von Anfang an Vertrauen und Verbindlichkeit schaffen soll.
Wachstum mit Maß
Aus den zwanzig Frauen des ersten Treffens sind heute rund 120 geworden. Ein Wachstum, das Otten bewusst begrenzt hält. „Wir könnten heute sicherlich deutlich mehr Mitglieder haben. Aber das ist nicht unser Ziel. Wir möchten qualitativ wachsen.“ Wichtiger als die Mitgliederzahl seien ihr die Vielfalt der vertretenen Branchen, die fachliche Kompetenz der Frauen und die persönlichen Beziehungen untereinander.
Aus gemeinsamen Gesprächen sind längst Kooperationen, Geschäftsbeziehungen und Freundschaften entstanden. Alles Verbindungen, die auch unabhängig von offiziellen WiA-Treffen weiterleben. Mit dem Buch „Starke Frauen im Agribusiness“ hat das Netzwerk zudem Lebenswege und Kompetenzen seiner Mitglieder sichtbar gemacht. Inzwischen kommt eine internationale Vernetzung hinzu.
Sichtbarkeit als Aufgabe
Nach ihrer Einschätzung liegt eine der größten Herausforderungen für Frauen in der Agrarbranche nicht im fehlenden Können, sondern in der fehlenden Sichtbarkeit. „Im Agribusiness arbeiten sehr viele hervorragend ausgebildete und engagierte Frauen. Ihre Expertise wird aber nicht immer ausreichend wahrgenommen“, erläutert Hella Otten. Hinzu komme die Frage der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und anderen Lebensaufgaben, die Karrierewege oft weniger geradlinig verlaufen lasse als bei männlichen Kollegen.
Auch mehr als 35 Jahre nach ihrem eigenen Studienbeginn beobachtet Otten, wie selbstverständlich historisch gewachsene männliche Netzwerke bis heute wirken. Ihre Schlussfolgerung: Gute Qualifikationen allein reichen nicht. Frauen brauchen zusätzlich Sichtbarkeit, Zugang zu Netzwerken und gegenseitige Unterstützung.
Was Hella Otten dabei antreibt, ist weniger abstrakte Gleichstellungspolitik als sehr konkrete Erfahrung. Manchmal, sagt sie, brauche es nur einen einzigen Satz im richtigen Moment: „Das kannst du, mach das!“ Solche Ermutigungen, ausgesprochen von einer Frau, die selbst bereits Verantwortung trägt, könnten mehr bewirken als jedes offizielle Förderprogramm.
Der Blick nach vorn
Für die Zukunft von WiA hat die Netzwerkgründerin klare Vorstellungen: Das Netzwerk soll bundesweit und branchenübergreifend bleiben, seinen persönlichen Charakter bewahren und Verantwortung stärker auf mehrere Schultern verteilen. Besonders am Herzen liegt ihr die Verbindung der Generationen: Erfahrene Frauen bringen Fachwissen und Kontakte ein, jüngere neue Perspektiven und Themen wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz, die die Branche in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern werden.
Jungen Frauen, die in die Agrarbranche einsteigen, gibt sie einen Rat mit, der auch ihre eigene Geschichte zusammenfasst: „Seid neugierig, traut euch etwas zu und baut euch früh ein gutes Netzwerk auf.“ Den gesamten Berufsweg müsse niemand mit 25 Jahren schon kennen. Das sei bei ihr selbst auch nicht so gewesen. Wichtiger sei, die eigene Kompetenz zu zeigen, statt darauf zu warten, dass andere sie irgendwann von selbst erkennen.
Fast zehn Jahre nach der Gründung von WiA bleibt für Hella Otten am Ende ein Gedanke zentral, der ihr gesamtes berufliches Selbstverständnis trägt: Netzwerken ist kein Sammeln von Kontakten. Es ist die Kunst, Beziehungen aufzubauen und sie über Jahre zu pflegen.