Vom Stall ins Gespräch, vom Hof in die Küche. Wie ein Landwirt aus Nordrhein-Westfalen Verbraucher mit Kochtipps die Nutztierhaltung erklärt und selbst den Bundespräsidenten und seine Gäste von seinem Fleisch überzeugt
In Rheda-Wiedenbrück steht ein Familienhof, der älter ist als manche Nachbarschaftsgeschichten: Seit 1752 in der achten Generation geführt, spricht der Hof Sandhäger eine klare Sprache von Tradition, Vielfalt und Zukunft. 60 Hektar Ackerland, 20 Hektar Grünland, dazu 600 Sauen und die Ferkelaufzucht. Das sind die festen Größen einer Wirtschaft, die über acht Generationen gewachsen ist. Daneben hat der Hof mit Agrofost Walnussbäume gepflanzt und will in rund sechs Jahren die erste eigene Walnussernte im eigenen Hofladen anbieten.
„Landwirtschaft ist unheimlich komplex.“
Christoph Sandhäger, Landwirt
Die Haupteinnahmequelle bleibt der Verkauf von Ferkeln. Doch Christoph Sandhäger, der Junglandwirt des Betriebs, verbindet Tradition mit einem klaren Zukunftsweg: Stück für Stück will er seine Ställe zu Top-Tierwohl-Lösungen umbauen. Das erreicht er durch Direktvermarktung von Fleisch seiner 30 Mastschweine im Hofladen und über Internet.

Nachhaltige Schweinehaltung mit Blick auf Tierwohl
Diese Duroc-Schweine leben in einem Stall auf Stroh, mit Auslauf und mehr Platz. Sie wachsen langsamer. Das wirkt sich positiv auf die Fleischqualität aus. Es wird schmackhafter und saftiger. Wiegen sie rund 150 Kilo bringt der junge Landwirt die Schweine zum Metzger. Wurst, Braten, Filets, Koteletts verkauft die Familie im Hofladen.

„Wenn ich meinen Traumstall bauen würde, müsste ich einen Kredit von über 1 Million Euro aufnehmen, dafür unser Haus, Hof und Privatvermögen als Sicherheit hinterlegen und den Kredit rund 20 Jahre lang abbezahlen“, sagt er offen. „Wenn in dieser Zeit Gesetzesänderungen für Ställe gemacht würden, könnte ich alles verlieren. Ich habe keinerlei Planungssicherheit oder Bestandsschutz. Im Gegenteil, die Bürokratiehürden sind enorm hoch.“ Aus dieser Realität wuchs bei ihm der Gedanke, die Zukunft mit Direktvermarktung und einem eigenen Hofladen zu gestalten. Bisher konnte er rund 20 Prozent seiner Ställe durch die Einnahmen der Direktvermarktung tierwohlgerecht umbauen.

10 Jahre AgrarScouts
Dialog lebt von Menschen
Als AgrarScout engagiert sich Christoph Sandhäger für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Seine Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.
Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.
Christoph Sandhäger ist kein Einzelkämpfer. Er sitzt im Stadtrat von Rheda-Wiedenbrück und ist Vorstandsmitglied des Rings der Landjugend. Außerhalb des Hofes fungiert er als Brückenbauer zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft: Er macht Landwirtschaft verständlich, damit Verbraucher nachvollziehen, warum Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. „Landwirtschaft ist unheimlich komplex“, betont er. „Wenn man allein an die Diskussion um Stroh- oder Betonspaltenböden in Schweineställen denkt. Stroh ist toll, aber im Sommer bevorzugen Schweine Spaltenböden. Warum? Schweine haben keine Schweißdrüsen und können nicht schwitzen, von daher kühlen sie sich auf den Böden ab.“ Das ist kein theoretischer Leitsatz, sondern tägliche Praxis, die er nach draußen trägt und mit Verbrauchern teilt.
Bildung, Dialog und Fleischsommelier-Know-how
Um direkt mit den Verbrauchern zu kommunizieren, bietet er Hofführungen für Kita- und Schulklassen, Ortsgruppen und Stammtische, Fortbildungen für Lehrerinnen und Journalisten an. Der Betrieb wird zur Lernplattform. Sandhäger hat sich zudem zum Fleischsommelier ausbilden lassen, um das Verständnis rund um Tierhaltung, Fleischqualität und Zubereitung praxisnah zu vermitteln. „Zum Thema Tierhaltung habe ich ein umfangreiches Wissen. Als Fleischsommelier kann ich auch Tipps geben, wie man das Fleisch am besten zubereitet.“ Eine ungewöhnliche, aber markante Praxis: „Wenn ich den Kunden zum Beispiel empfehle, den Schweinebraten in der Geschirrspülmaschine zu garen, dann schauen sie mich mit großen Augen an. Aber das klappt wirklich.“ Den Schweinebraten mit Kräutern vakumieren, bei einem fast zweistündigen Spülgang garen, anschließend noch einmal anbraten. Das nennt man Rückwärtsgaren. Geduldig erläutert er, wie aus Alltagstechniken kulinarische Brücken zwischen Hof und Küche entstehen.
Landwirtschaft verständlich erklärt
Ein kurioser Moment der Begegnung fand auf der Grünen Woche statt: Eine Besucherin stand vor dem Modell eines modernen Kuhstalls und schimpfte. Sandhäger zeigte ihr, dass der Stall genau auf die Bedürfnisse der Tiere ausgerichtet war: Von der Kniefallmethode zur Prüfung der Weichheit der Liegeboxen bis zur Massagebürste als Highlight. Die Verbraucherin hörte interessiert zu. „Sie fand den Stall dann doch gut“, sagt der Landwirt und lacht.

Die Verbindung zum Bundespräsidenten war reiner Zufall: Johanna, 16 Jahre alt, sprach Sandhäger auf der Grünen Woche an. Sie wollte Agrarwissenschaften studieren und fragte nach Tipps. Wenige Wochen später kam sie aus Berlin mit ihren Eltern auf den Hof, um dort ein Praktikum zu absolvieren. An dem Tag kaufte ihr Vater im Hofladen ein. Es stellte sich heraus, dass es Jan-Göran Barth war, der Chefkoch im Schloss Bellevue. Dieser Zufall führte dazu, dass Sandhäger als Caterer für das Bürgerfest am Park von Schloss Bellevue gebucht wurde. Zwei Banner beschriftet mit Erklärungen zur Schweinehaltung und zum Tierwohl brachte Sandhäger mit und 1800 Grillwürstchen. Der Landwirt nutzte diese Bühne, um mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Die Würstchen haben den Besuchern des Bürgerfestes geschmeckt. Auch in diesem Jahr wird er auf dem Bürgerfest seine Würstchen an die Besucher verteilen.
Zwei Säulen tragen die Geschichte des Hofes. Die erste Säule ist das Porträt eines Hofes, der Tradition, Diversifikation und Tierwohl in Einklang bringen will. Die zweite Säule ist die aktive Verbraucherkommunikation mit Hofführungen, Bildungsformaten, Netzwerke wie die AgrarScouts und Bürgerdialoge. All das verbindet Landwirtschaft mit Öffentlichkeit, Praxis mit Verständnis, Handel mit Haltung. Und so baut Sandhäger langsam, aber beharrlich, die Ställe tierwohlgerecht um. Finanziert durch die Direktvermarktung seiner Mastschweine.