Prof. Dr.-Ing. Daniela Thrän ist Professorin am Helmholz-Zentrum für Umweltforschung und Leiterin des Lehrstuhls Bioenergiesysteme an der Universität Leipzig. Das Forum Moderne Landwirtschaft hat sie zu den aktuellen Verwerfungen des Energiemarkts durch den Nahost-Konflikt und den Potenzialen Erneuerbarer Energien aus der Landwirtschaft befragt.
„Biogasanlagen sind kleine Bioraffinerien – und ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.“
Prof. Dr.-Ing. Daniela Thrän
Frau Professor Thrän, die Eskalation im Nahen Osten blockiert die internationalen Öl-Routen, führt zu Preissteigerungen und Lieferunsicherheiten. Inwieweit kann die heimische Landwirtschaft kurzfristig als Energielieferant fungieren, um die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten aus der Krisenregion abzufedern?
In der Landwirtschaft fallen verschiedene Rest- und Abfallstoffe an, die zu Energie umgewandelt werden können – zum Beispiel Gülle, Erntereste oder Stroh. Daraus Biogas bereitzustellen, kann Gas ersetzen und nutzt dem Klima. Aktuell werden in den Biogasanlagen überwiegend Energiepflanzen eingesetzt, womit auch ein Klimaschutzbeitrag erzielt wird, aber über 1,3 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen belegt. Mit knapp 10.000 Biogasanlagen in Deutschland sind diese Systeme etabliert. Kurzfristig besteht nur ein begrenzter Spielraum, die Produktion zu erhöhen. Wichtiger ist es, dass es eine langfristige Perspektive gibt, den Beitrag von Biogas gut ins Energiesystem zu integrieren. Darüber hinaus können Landwirte auch Strom bereitstellen. Das ist zwar kein Öl oder Gas, reduziert aber den Bedarf an Öl oder Gas für die Strombereitstellung.
Wo liegt aus Ihrer Sicht das größte ungenutzte Potenzial für erneuerbare Energien im Agrarsektor?
Erneuerbare Energien im Agrarsektor sind vielfältig: Biogas, Agrophotovoltaik aber auch andere Photovoltaiksysteme, die sich mit einer nachhaltigen Flächennutzung vertragen, z.B. auf wiedervernässten Moorflächen. Biogas wird bereits in großem Umfang genutzt und hat ein großes Potenzial die Energiewende da zu unterstützen, wo die direkte Nutzung von Strom aus Sonne und Wind nicht möglich ist. Also an grauen trüben Wintertagen oder auch aufbereitet zu Methan für industrielle Anwendungen oder im Transportsektor.
Ist die Landwirtschaft gerade richtig aufgestellt, um dieses Potenzial zu heben bzw. was kann der einzelne Landwirt tun, um dieses Potenzial zu nutzen?
Viele Biogasanlagen befinden sich am Ende ihrer EEG-Vergütung und orientieren sich. Aktuell sind die Rahmenbedingungen im Fluss. Grüngasquote, Biotreppe, Treibhausgasquote und EEG-Novelle sind auf energiewirtschaftlicher Seite gerade in der Diskussion. Ein gutes Ergebnis könnte sein, dass die Biogasanlagen weiter ausdifferenziert werden: kleine Anlagen, die vor allem die Methanemissionen aus landwirtschaftlicher Gülle reduzieren, größere Anlagen zur flexiblen Strom- und Wärmeerzeugung und eher große Anlagen oder der Verbund von mehreren Anlagen, die Biogas zu Biomethan aufbereiten, das abgeschiedene CO2 weitergeben und die Gärreste aufarbeiten. Was am besten funktioniert hängt von den verfügbaren Rohstoffen aber auch vom Gasnetz und von der Wärmenachfrage vor Ort ab. Hier vor Ort die beste Lösung zu finden ist Aufgabe des Landwirts – unter der Voraussetzung, dass in den kommenden Monaten geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Welche veränderten politischen Rahmenbedingungen bräuchte es, um eine nationale, krisenfeste, autarkere Energieversorgung aus der Landwirtschaft zu unterstützen?
Es braucht planbare Rahmenbedingungen und auskömmliche Finanzierungskonzepte. Hier sind die Unsicherheiten im Biogasbereich gerade sehr hoch. Die kommenden Wochen werden entscheiden, ob eine Ausdifferenzierung der Biogasanlagen für die unterschiedlichen lokalen Voraussetzungen und Energiebedarfe möglich wird.
Wie bewerten Sie den ethischen Zielkonflikt bei der Nutzung von Ackerflächen für Bioenergie statt der Erzeugung von Lebensmitteln?
Wenn Rohstoffe für Biogas auf landwirtschaftlichen Flächen angebaut werden, kann dort nichts anderes wachsen. Insofern macht es Sinn, Biogasrohstoffe auf den Flächen zu produzieren, die nicht für die Nahrungsmittelproduktion geeignet sind oder zum Beispiel Grasschnitt oder Landschaftspflegematerial zu verwenden. Was den ethischen Zielkonflikt angeht, bin ich aber der Meinung, dass das Bild verkürzt ist: Auf dem größeren Teil der Landwirtschaftsflächen werden Futtermittel produziert. Und dass in weiten Teilen der Welt der Fleischkonsum ungesund hoch ist, ist bekannt. Wir haben also durchaus die Wahl.
Hohe Energiepreise erhöhen auch die Preise für die Stickstoffdüngerproduktion. Wie kann die Bioökonomie helfen, die Landwirtschaft durch nährstoffreiche Reststoffnutzung unabhängiger von globalen Lieferketten und fossiler Energie zu machen?
Bei der Vergärung von biogenen Reststoffen fallen Gärreste an, die einen hohen Gehalt an Stickstoff, Phosphor und anderen Nährstoffen haben. In der Aufarbeitung der Gärreste hin zu hochwertigen, transport- und lagerfähigen Düngern können Landwirte die Wertschöpfung verlängern und außerdem dazu beitragen, den Importbedarf an Nährstoffen zu reduzieren. Und vielleicht ist das erst der Anfang: Biogasanlagen sind kleine Bioraffinerien, und die Nutzbarmachung der unterschiedlichen organischen Verbindung, die sich im Fermenter befinden, steht noch am Anfang.
Welche Rolle spielen die Erneuerbaren Energien aus der Agrarbranche für den Klimaschutz?
Erneuerbare Energien aus der Agrarbranche sind essenziell für den Klimaschutz. Es ist nicht nur der Beitrag aus Biogas. 70% der Freiflächen-Photovoltaik befinden sich auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, überwiegend auf Ackerland. Agrophotovoltaik-Anlagen eröffnen die Möglichkeit einer doppelten Flächennutzung indem landwirtschaftliche Produktion und Stromerzeugung kombiniert werden. Unser Erneuerbare-Energien-Monitor am Helmholz-Zentrum für Umweltforschung zeigte für 2024 etwa 60 Anlagen dieser Art in Deutschland – Tendenz steigend. Auch Windenergieanlagen sind überwiegend auf landwirtschaftlichen Flächen installiert, die in der Regel bis unmittelbar an die Fundamente weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden. Und neben der Strombereitstellung werden häufig auch umliegende Wohngebäude und Unternehmen mit Wärme versorgt – ein Aspekt, der in der momentanen Energiekrise nicht zu unterschätzen ist.
Fragen & Antworten: Energie aus Landwirtschaft
Was ist Energie aus Landwirtschaft?
Energie aus Landwirtschaft umfasst Biogas, Solar- und Windenergie, die auf landwirtschaftlichen Flächen erzeugt wird.
Kann Energie aus Landwirtschaft Öl und Gas ersetzen?
Kurzfristig nur begrenzt. Langfristig kann sie aber einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung leisten.
Ist Biogas klimafreundlich?
Ja, besonders wenn Reststoffe wie Gülle genutzt werden. Das spart Emissionen und ersetzt fossile Energien.
Was ist Agrophotovoltaik?
Das ist die Kombination aus Landwirtschaft und Solarstromproduktion auf derselben Fläche.