Der Vorwiesenhof der Familie Schlichting am Stadtrand von Lübeck ist gleichermaßen ein landwirtschaftlicher Betrieb, ein Lern- und Begegnungsort sowie ein Raum der Erinnerungen
Der Mann wirkt etwas verloren auf dem staubigen Vorplatz der Rinder- und Kälberställe. Er gehört zu einer Seniorengruppe, die an einer therapeutisch ausgerichteten Hofführung mit Tierkontakt auf dem Vorwiesenhof teilnimmt. Schon seit Längerem spreche er kaum noch, erzählt seine Betreuerin. Als der stille Besucher den Stall betritt, beginnt er wie selbstverständlich, die Kühe zu füttern. Er nimmt Kontakt zu den Tieren auf, streicht über ihr Fell – und spricht plötzlich mit ihnen.
„Ich weiß nicht, wie sich die Landwirtschaft in Deutschland entwickeln wird, aber ich weiß, dass wir unsere Green Care-Angebote noch weiter ausbauen können.“
Charlotte Schlichting
Auf dem Vorwiesenhof am Stadtrand von Lübeck sind solche Momente keine Seltenheit. Zwischen Stallungen und weiten Feldern hat die Familie Schlichting ihren Betrieb weiterentwickelt. Die klassische Landwirtschaft bleibt dabei das Fundament – ein Vollerwerbsbetrieb. Gleichzeitig ist ein Ort entstanden, an dem Menschen wieder Zugang finden – zur Natur, zu Tieren, zur Lebensmittelproduktion und manchmal auch zu sich selbst.
Kinder aus Kitas und Schulen kommen hierher, ebenso wie Senioren oder Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Der Hof ist in Teilen barrierearm gestaltet, die Begegnung mit Tieren bewusst niedrigschwellig gehalten.
Ein Bauernhof als Lern- und Begegnungsort
„Green Care“ nennt sich dieses Konzept – soziale Landwirtschaft. Charlotte Schlichting, 29 Jahre alt, hat dafür gemeinsam mit ihrer Mutter Elisabeth zuerst den Green Care-Lehrgang der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein absolviert und im Anschluss eine Ausbildung zur zertifizierten Bauernhofpädagogin gemacht. Außerdem ist Charlotte ausgebildete Physiotherapeutin und Fachkraft für tiergestützte Intervention.
Auf dem Hof wird Inklusion nicht diskutiert, sondern gebaut. Rampen führen in den Kuhstall, ein Hochbeet ist für Rollstuhlfahrer angelegt, eine motorisierte Schubkarre erleichtert die Arbeit. Es sind viele kleine Details, die zusammen etwas Großes ergeben: Teilhabe.

10 Jahre AgrarScouts
Dialog lebt von Menschen
Als AgrarScout engagiert sich Charlotte Schlichting für offenen Austausch und mehr Verständnis rund um moderne Landwirtschaft. Ihre Geschichte ist Teil von „10 Jahre AgrarScouts – Dialog lebt von Menschen“.
Seit zehn Jahren bringen AgrarScouts Landwirtschaft und Gesellschaft ins Gespräch.
Zum Jubiläum erzählen zehn AgrarScouts ihre persönlichen Geschichten und zeigen, wie Dialog Verständnis schafft.
Charlotte, „Charly“ genannt, erlebt täglich, was das bedeutet. „Wenn Senioren im Rollstuhl hier Hühner oder Kühe streicheln, kommen oft plötzlich Erinnerungen zurück“, sagt sie. „Dann fangen sie an zu erzählen.“ Andere Besucher machen ganz neue Erfahrungen. Sie spüren zum ersten Mal, wie weich Schafwolle ist oder wie rau sich eine Kuhzunge anfühlt.
Besonders eindrücklich sind die Begegnungen mit Kindern, die im Alltag oft anecken. „In einzelnen Situationen dürfen Kinder mit ADHS bei uns auch einmal durch die Ställe rennen“, sagt Charlotte. „Grundsätzlich gelten aber klare Hofregeln – Toben und Laufen im Stall ist nicht erlaubt.“ Die Tiere setzen die Grenzen: Sie ziehen sich zurück, wenn es ihnen zu viel wird. Diese nonverbale Kommunikation wirkt oft stärker als jede Ermahnung – Tiere werden so zum Spiegel für das eigene Verhalten.
Seit Ende 2022 bietet die Familie soziale Angebote auf dem Hof an. Die Milchviehhaltung wurde im Mai 2024 eingestellt. Heute ist die soziale Landwirtschaft einer von mehreren Betriebszweigen – neben Ackerbau, Rinderhaltung und Direktvermarktung.

Zunächst war das Angebot vor allem für Menschen mit Handicaps. Ihr Ziel: motorische Fähigkeiten verbessern, Empathie entwickeln, kognitive Prozesse anregen. Inzwischen buchen auch Kitas, Schulklassen, Seniorengruppen, Ärztevereine und Berufsschulen die Angebote. Es gibt Jahreszeitenkurse, Eltern-Kindgruppen, Familienevents und Kindergeburtstage.
„Wir richten jeden Termin zielgerecht und individuell darauf aus, was die Gruppe braucht“, sagt Charlotte. Die Nachfrage wächst stetig – und bringt etwas, das in der Landwirtschaft selten geworden ist: Planungssicherheit „Wir wissen ziemlich genau, wie viele Kurse im Jahr stattfinden. Das ist im klassischen landwirtschaftlichen Bereich ganz anders.“
Klassische Landwirtschaft ist nicht mehr planbar
Denn der Hof ist weiterhin hauptsächlich ein landwirtschaftlicher Betrieb. 112 Mastrinder stehen in den Ställen, auf rund 200 Hektar wachsen Getreide, Mais, Raps, Zuckerrüben und Spargel. Dazu kommt ein Hofladen.
Während der Spargelsaison können Besucher sogar selbst aktiv werden. „Wir vermieten ganze Spargelreihen zum Selberernten“, erzählt Charlotte. „Wer das sechs Wochen lang macht, bekommt ein ganz anderes Gefühl dafür, wie viel Arbeit dahintersteckt.“

Die Aufgaben auf dem Hof teilen sich die vier Familienmitglieder und Onkel Holger. „Wir bereiten langsam die Betriebsübernahme vor und haben die Bereiche genau festgelegt. Mein Bruder wird für den Ackerbau zuständig sein und ich für die Tiere, zu denen noch sechs Schafe, neun Hühner und vier Kaninchen zählen, sowie für die soziale Landwirtschaft und die Direktvermarktung.“
Besucher ins Tun bringen
Lange war es nicht sicher, ob Charlotte und ihr Bruder Christian den Hof überhaupt übernehmen wollen. Deshalb hat Charlotte auch die Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht. „Ich bin auf dem Hof aufgewachsen und wollte noch etwas anderes sehen und erfahren. Heute kann ich mir ein Leben ohne den Vorwiesenhof gar nicht vorstellen. Ich weiß nicht, wie sich die Landwirtschaft in Deutschland entwickeln wird, aber ich weiß, dass wir unsere Green Care-Angebote noch weiter ausbauen können.“
Der Hof ist außerdem Teil von Green Care-Fortbildungen der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein: An zwei Lehrgangstagen dient der Vorwiesenhof als Praxisbeispiel, bei dem die Teilnehmer Einblicke in die soziale Arbeit und den Betriebsalltag vor Ort erhalten.
Charlotte hat weitere Ideen
„Ich möchte die Besucher noch mehr ins Tun bringen“, sagt sie. „Sie sollen nicht nur ihren Möglichkeiten entsprechend mit anpacken und erleben, gemeinsam Tiere pflegen oder Pflanzen aussäen und ernten – vielleicht können wir sogar gemeinsam kochen.“ Noch geschieht das am Lagerfeuer.
Wer hier steht, zwischen Tieren, Feldern und Menschen, spürt schnell: Dieser Hof ist immer in Bewegung.