Wie Landwirt Stefan Teepker aus dem Emsland mit Kameras und Künstlicher Intelligenz Tierwohl, Klimaschutz und Effizienz zusammenbringt und warum er bei seinen Schweinen ganz andere Pläne hat
Es ist kurz nach sechs Uhr morgens in Handrup im Emsland, als ein Algorithmus eine Nachricht auf Stefan Teepkers Handy sendet: „Aktivität in der Nacht leicht gesunken, Temperatur bitte um ein Grad erhöhen.“ Es ist der tägliche Bericht seiner künstlichen Intelligenz, ein System, das in seinen Hähnchenställen mitläuft, mitschaut und mitrechnet. „Wir haben mit KI einen Assistenten, der uns unterstützt“, sagt Teepker.
„Wir haben mit KI einen Assistenten, der uns unterstützt.“
Stefan Teepker, Landwirtschaftsmeister und Betriebsleiter der Teepker GbR
Der Landwirtschaftsmeister und Betriebsleiter der Teepker GbR betreibt seit 2009 Hähnchenmast in Kooperation mit drei weiteren landwirtschaftlichen Familien, an drei Standorten mit 13 Ställen und rund 440.000 Tieren. Daneben hält er, gemeinsam mit seinem Bruder Matthias, auch Schweine, betreibt Ackerbau und erzeugt erneuerbare Energie. Etwa 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie mehrere Auszubildende gehören zum Betrieb. Für die Hähnchenmast ist Stefan Teepker verantwortlich, und genau hier hat er über anderthalb Jahrzehnte lang einen der digital am weitesten entwickelten Betriebe der Branche aufgebaut.
Vom Papier zur Tabelle
Ganz am Anfang stand, wie bei vielen Betrieben dieser Generation, das Papier. Teepker trug jede Zahl von Hand in großformatige Stallkarten ein. Der nächste Schritt war die Erfassung der täglichen Stallwerte in Excel-Tabellen. Aus einfachen Tabellenblättern wurden mit der Zeit umfangreichere Dokumentationssysteme mit Verknüpfungen und automatisierten Berechnungen. Der Betrieb wollte auf diesem Weg unnötige Handarbeit und mögliche Fehlerquellen reduzieren. Erst auf dieser Grundlage folgte der Sprung zu vernetzten Stallcomputern und schließlich zur heutigen KI-gestützten Auswertung.
Vom Stallcomputer zum eigenen Glasfasernetz
Als Teepker 2009 anfing, war Digitalisierung im Stall noch ein Fremdwort. „Wir haben 2009 mit ersten Stall-Computern angefangen“, erinnert er sich, „aber die haben wir nach vier Jahren entsorgt.“ Der Grund: Die Geräte waren nicht netzwerkfähig. Teepker wollte aber von Anfang an alle Standorte zentral miteinander verknüpfen und musste dafür die Infrastruktur selbst schaffen. „Glasfaser oder Internet an jeder Milchkanne gibt es nicht in Deutschland“, sagt er trocken. Also verlegte der Betrieb kurzerhand ein eigenes rund 20 Kilometer langes Glasfasernetz.
Diese frühe Investition in Konnektivität zahlte sich doppelt aus: Zum einen liefert sie die Datenbasis für alles, was heute in den Ställen automatisiert läuft. Zum anderen wurde der Betrieb dadurch für Forschungseinrichtungen interessant. So entstanden über die Jahre mehrere Projekte mit wechselnden Technologiepartnern, nicht immer erfolgreich: Ein erstes Forschungsprojekt zur Kameraerkennung lief zwar sauber zu Ende, scheiterte aber schließlich, weil einer der Partner insolvent ging. Die gesammelte Erfahrung half Teepker jedoch beim Folge-Unternehmen, das heute sein KI-System liefert.
Die Augen unter der Stalldecke
Aktuell sind sieben der 13 Ställe komplett mit Deckenkameras ausgestattet. Je nach Stallgröße zwischen 20 und knapp 40 Stück, so verteilt, dass jeder Quadratmeter erfasst wird. Die Bilder laufen zunächst auf einen Server direkt am Stall, werden dann über eine Cloud-KI ausgewertet.
Die KI erkennt Tiere in unterschiedlichen Verhaltenslagen, sitzend, liegend, fressend, trinkend und vergleicht diese Muster laufend mit Referenzwerten. Weicht etwas ab, schlägt das System Alarm.
Besonders wertvoll wird die Technik dort, wo menschliche Beobachtung an ihre Grenzen stößt: nachts. Kalte Luft, die in den Stall strömt, sinkt zu Boden und trifft die Tiere. „Nachts ist von uns niemand da“, erklärt Teepker. „Frieren die Tiere, kuscheln sie sich zwar eng zusammen, aber das ist nicht perfekt und kann zu Krankheiten führen. Genau dieses nächtliche Zusammenrücken erkennt die KI zuverlässig und schreibt es in den Morgenbericht: „Tiere ziehen sich nachts zusammen, bitte Temperatur nachts um ein Grad erhöhen.“ Teepker kann das direkt am Computer für ein bestimmtes Zeitfenster einstellen, etwa von 22 bis 5 Uhr. Der Effekt: weniger Kältestress, weniger Krankheitsanfälligkeit. Denn auch bei Hähnchen gilt, was auf Menschen zutrifft: „Bist du nachts kalt geworden, wirst du vielleicht am nächsten Tag krank.“
Ein zweites Beispiel zeigt, wie die Bildauswertung im Ernstfall handfest schützt. Vor einigen Wochen platzte in einem Stall eine Wasserleitung. Die KI erkannte auf den Kamerabildern, dass die Tiere dem betroffenen Bereich flächendeckend auswichen. „Ich habe den Wasserhaupthahn geschlossen und damit eine größere Katastrophe verhindern können.“
Ausfallsicher bis ins Detail
Wer so viel Verantwortung an Software delegiert, muss sich auf die Technik verlassen können. Teepker hat deshalb für Redundanz gesorgt: eigene Notstromversorgung an den Standorten und zwei getrennte Wege der Datenübertragung, neben dem Glasfaseranschluss zusätzlich eine Mobilfunkverbindung. „Die ist natürlich deutlich langsamer, aber dann kriegen wir auf jeden Fall eine Info“, erklärt er. Weil die Rohdaten ohnehin zunächst lokal auf dem Stall-Server liegen und nicht direkt in einer Cloud, lassen sich selbst mit niedrigen Datenraten weiterhin Ergebnisse produzieren, sollte die Verbindung einmal schwächeln. Ein kompletter Internetausfall, sagt Teepker, sei „bei diesem System kaum noch oder gar nicht mehr vorgesehen“.
Wichtig ist ihm dabei ein Punkt, den er im Gespräch mehrfach betont: Die KI ersetzt weder den Tierhalter noch den klassischen Stallrundgang. Zweimal täglich gehen die Mitarbeiter weiterhin persönlich durch jeden Stall, kontrollieren, passen an.
Der Versuchsstall: Forschung unterm eigenen Dach
Einen der 13 Produktionsställe betreibt Teepker als eigenen Versuchsstall mit zweimal 12.000 Tieren, in der Mitte lediglich durch ein Netz getrennt. Die Idee dahinter ist so einfach wie klug: Wer Fütterungs- oder Haltungsvarianten wirklich sauber vergleichen will, darf sie nicht in unterschiedlichen Gebäuden testen. „Der eine Stall schützt den anderen vor direktem Wind, auf dem einen Stall steht die Sonne anders drauf als auf dem anderen“, erklärt Teepker. Im geteilten Versuchsstall dagegen herrschen exakt dieselben Umwelt- und Klimabedingungen.

Getestet werden hier unter anderem Wasserzusätze, Vitamin- und Mineralstoffgaben oder unterschiedliche Einstreumaterialien. Das Ergebnis überrascht: „Die meisten Zusatzstoffe, die uns angepriesen werden, kann man weglassen“, sagt Teepker knapp. „Das hilft nur dem Verkäufer.“ Einen echten Unterschied habe dagegen der Wechsel des Einstreumaterials gemacht: Von Dinkelspitzengranulat stieg der Betrieb auf Torf um, mit messbarem Effekt auf die Fußballengesundheit der Tiere, die sich um rund sechs Prozent verbesserte, weniger Staubentwicklung inklusive. Ein Nebeneffekt, an den vorher niemand gedacht hatte: Auf dem dunklen, fast schwarzen Torf lassen sich die gelben Küken optisch viel besser erkennen, ein kleiner, aber praktischer Vorteil für die Mitarbeiter.
Weniger Futter, weniger Medikamente, mehr Effizienz
In der Summe lösen die Fortschritte der vergangenen 15 Jahre eine beachtliche Entwicklung aus. 2009 benötigte der Betrieb rund 1,6 bis 1,7 Kilogramm Futter, um ein Kilogramm Hähnchen-Fleisch zu erzeugen; heute liegt der Wert bei 1,45 Kilogramm. Hochgerechnet auf die Menge produzierter Hähnchen ergibt das jährlich mehrere tausend Tonnen eingespartes Futter, mit entsprechender Wirkung auf Flächenbedarf, Ressourcenverbrauch und Kosten. Parallel ist auch der Medikamenteneinsatz drastisch zurückgegangen: Setzte der Betrieb 2009 laut Teepker noch regelmäßig Antibiotika ein, geht dieser Wert heute „quasi Richtung null“, während Impfungen den präventiven Part übernehmen.
Für Teepker widerlegt das ein verbreitetes Narrativ, wonach mehr Tierwohl automatisch zulasten von Klimaschutz und Effizienz gehe, ein Zielkonflikt, der etwa in der Rinderhaltung häufiger diskutiert wird. „Man muss immer gucken, was mit Tierwohl gemeint ist“, sagt er. Für ihn bedeutet es vor allem: Schutz vor Krankheiten, Wasser und Futter in Top-Qualität, an das Tier angepasste Temperaturen. Nicht dazu zählt für ihn der vielfach geforderte Umstieg auf langsam wachsende Rassen: „In dem Fall verschwende ich Ressourcen, weil ich dann natürlich weniger Fleisch produziere, aber auch, weil ich viel, viel mehr Futter brauche, um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren.“ Sein Ansatz orientiert sich stattdessen an den drei klassischen Nachhaltigkeitsdimensionen: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Letzteres mit Blick auf die eigenen Mitarbeiter, deren Arbeitsbedingungen sich durch Automatisierung seit 2009 spürbar verbessert haben.
Sonne auf dem Dach, Kühlung für heiße Tage
Zum Stall der Zukunft gehört für Teepker mehr als Kameratechnik. Auf fast allen Ställen sind mittlerweile Photovoltaikanlagen installiert, gesteuert über eine möglichst intelligente Eigenstromnutzung. Ein zweiter Schwerpunkt der vergangenen Jahre: Kühlung. Angesichts zunehmender Hitzeperioden hat der Betrieb seine Kühlkapazitäten deutlich ausgebaut und schafft es inzwischen, die Stalltemperatur konstant rund zehn Grad unter der Außentemperatur zu halten. Teepker schmunzelt: „Unsere Hähnchen haben es besser als die Bewohner eines Altersheims“. Ein Seitenhieb auf die gesetzliche Regelung in Deutschland, die den Einbau von Klimaanlagen in deutschen Kranken- und Altenpflegeeinrichtungen bislang stark einschränkt.
Auf die Frage, wie ein neu gebauter Stall der Zukunft aussehen müsste, antwortet Teepker mit einer Mischung aus Erfahrungswerten und Ausblick: Beim Baumaterial setzt er weiterhin auf Beton im unteren Bereich und Holz im oberen. „Ich würde die Isolierung angesichts von Hitze- und Kältewellen aber noch verbessern und maximal an Technik verbauen, was verfügbar ist“, so Teepker. Ein konkreter Zukunftstrend, den er beobachtet: die Geschlechtertrennung im Stall. Weil Hennen und Hähne unterschiedliche Ansprüche an die Fütterung haben und Hennen früher schlachtreif sind als Hähne, arbeiten erste KI-gestützte Sortiermaschinen bereits daran, Küken schon früh nach Geschlecht zu trennen. Ein Stall der Zukunft, so Teepkers Überlegung, müsste baulich so konzipiert sein, dass sich diese getrennte Aufzucht direkt umsetzen lässt, mit Vorteilen für Ressourceneffizienz und am Ende auch fürs „Portemonnaie“.
Ganz abstrakt bleibt das bei Teepker nicht: Aktuell erneuert der Betrieb an einem Standort die komplette Elektrik eines rund 30 bis 35 Jahre alten Stallkomplexes, saniert Türen und Tore hinsichtlich Isolierung und hat für alle Standorte Stromspeicher angefragt. Mittelfristiges Ziel ist der Ausstieg aus der Beheizung mit Erdgas beziehungsweise Flüssiggas. Ein Projekt, das noch aussteht, aber fest eingeplant ist.
„Keiner muss es haben“
Nicht jeder Berufskollege ist von Digitalisierung im Stall überzeugt. Teepkers Argument gegenüber Zweiflern ist nüchtern-praktisch: Viele Landwirte suchten ohnehin Personal und täten sich schwer, welches zu finden. Ein KI-System sei dagegen ein Assistent, der pro Stall weniger koste als eine geringfügige Beschäftigung und der rund um die Uhr wache, auch dann, wenn niemand vor Ort nach den Tieren schauen kann. „Es gibt mir einfach ein gutes Gefühl zu wissen, dass meine Tiere eigentlich rund um die Uhr überwacht werden“, sagt er. Gleichzeitig macht er klar: „Keiner muss es haben.“ Die Technik sei ein Werkzeug, kein Ersatz für Sachverstand und Erfahrung und ein Stromausfall bleibe schlicht ein No-Go, unabhängig vom Digitalisierungsgrad.
Warum die Schweine in Deutschland keine Zukunft haben
So offensiv Teepker in die Hähnchenmast investiert, so zurückhaltend agiert er beim zweiten großen Betriebszweig: der Schweinehaltung, mit der er 2001 überhaupt erst in die Landwirtschaft eingestiegen ist. „Da sind wir tatsächlich auch aktuell eher so aufgestellt: wenig investieren“, sagt er offen. „Da glauben wir wegen der Rahmenbedingungen nicht an die Zukunft.“ Sein Zeitplan ist konkret: Um das Jahr 2034 will er aus der Schweinehaltung aussteigen und die Ställe zurückbauen.
Der Grund liegt für ihn weniger in der Tierhaltung selbst als im wirtschaftlichen Umfeld. Verbraucher seien zunehmend nicht bereit, für höhere Tierwohlstandards zu bezahlen, beobachtet Teepker. Trotz gegenteiliger Aussagen in Umfragen greife man im Zweifel doch zum günstigeren Produkt. Auch ein neues Herkunftssiegel für deutsches Fleisch ändere daran wenig: „Wenn Verbraucher schon nicht für Tierwohl zahlen wollen, sollten sie wenigstens die deutschen Landwirte unterstützen. Aber nicht mal das geschieht.“ Am Ende entscheide vor allem der Preis, und bei Schweinefleisch sei der internationale Wettbewerbsdruck noch größer als beim Geflügel. Mit den Produktionskosten in Ländern mit deutlich niedrigeren Haltungsstandards könne man schlicht nicht mithalten.
Der Kontrast zur Hähnchenmast könnte größer kaum sein: Dort investiert Teepker in Kameras, KI, Forschung und bauliche Zukunftsfähigkeit. Bei den Schweinen dagegen dominiert die Erwartung eines geordneten Rückzugs. Es ist ein Bild, das exemplarisch für die Lage der deutschen Nutztierhaltung insgesamt stehen könnte: Wo sich Innovation wirtschaftlich trägt, wird investiert und weiterentwickelt. Wo regulatorischer Druck, internationaler Wettbewerb und Zahlungsbereitschaft der Verbraucher auseinanderfallen, ziehen sich selbst technologieoffene Betriebe zurück.
Ein Assistent, kein Selbstläufer
Der Stall der Zukunft, wie Stefan Teepker ihn versteht, ist kein vollautomatisches System ohne Menschen. Er ist ein gut isoliertes, mit Sonnenstrom versorgtes, mehrfach abgesichertes Gebäude, in dem Kameras und künstliche Intelligenz den Mitarbeitern die Arbeit erleichtern, Probleme früher sichtbar machen und Ressourcen sparen helfen, während am Ende trotzdem zweimal täglich ein Mensch durch den Stall geht und nach den Tieren sieht. „Technik macht die Produktion nur sicherer und besser“, sagt Teepker.
Fragen rund um KI in der Hähnchenhaltung
Was kann KI im Hähnchenstall erkennen?
KI im Hähnchenstall kann Veränderungen im Verhalten und in der Verteilung der Tiere im Stall erkennen. Auf Stefan Teepkers Betrieb registriert das System zum Beispiel, wenn Hähnchen ungewöhnlich eng zusammenrücken oder einen bestimmten Stallbereich meiden.
Wie funktionieren die Kameras im Stall?
In sieben der 13 Hähnchenställe erfassen Deckenkameras den gesamten Stallbereich. Je nach Größe sind dafür etwa 20 bis knapp 40 Kameras installiert. Die Aufnahmen werden technisch ausgewertet und mit typischen Verhaltensmustern verglichen.
Ersetzt Künstliche Intelligenz den Tierhalter?
Nein, Künstliche Intelligenz unterstützt den Tierhalter, ersetzt aber nicht seine Erfahrung und die persönliche Kontrolle der Tiere. Bei Stefan Teepker gehen Mitarbeiter weiterhin zweimal am Tag durch jeden Stall.
Kann Digitalisierung Ressourcen sparen?
Digitale Daten können dabei helfen, Fütterung, Stallklima und Betriebsabläufe genauer zu steuern und dadurch Ressourcen effizienter einzusetzen. Auf Teepkers Betrieb sank der Futterbedarf seit 2009 von etwa 1,6 bis 1,7 Kilogramm auf rund 1,45 Kilogramm Futter je Kilogramm erzeugtem Hähnchenfleisch. Diese Entwicklung ist das Ergebnis verschiedener Veränderungen im Betrieb und lässt sich nicht allein auf die KI zurückführen.
Was passiert, wenn Internet oder Strom ausfallen?
Teepkers Betrieb setzt auf mehrere Absicherungen. Dazu gehören eine eigene Notstromversorgung sowie Glasfaser und Mobilfunk als zwei getrennte Wege für die Datenübertragung. Ein Teil der Datenverarbeitung findet außerdem direkt am Stall statt.