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Moderne Landwirtschaft im Faktencheck

Stimmt’s oder stimmt’s nicht? Landwirtschaft zwischen Lob und Vorurteil
Ernährung sichern Rund 82 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs deckt die deutsche Landwirtschaft selbst. Ernährungssicherheit ist hierzulande stabil – auch wenn Wetterextreme oder Pflanzenkrankheiten Ernten beeinflussen können.
Nachhaltigkeit im Wandel Moderne Betriebe arbeiten datenbasiert, ressourcenschonend und tierwohlorientiert. Viele investieren in neue Stallkonzepte, präzise Technik und Klimaschutzmaßnahmen.
Verantwortung teilen Mehr Tierwohl und Klimaschutz kosten Geld. Damit Nachhaltigkeit zur Chance wird, braucht es Verbraucher:innen, Politik und Landwirtschaft gemeinsam.

Sie stehen sieben Tage die Woche morgens um 4 Uhr im Stall und kontrollieren den Melkstand. Nach einem Sturm begutachten sie am Wochenende den Weizen auf ihren Feldern. Nachts bringen sie mit ihren High-Tech-Maschinen präzise Pflanzenschutzmittel aus, um die Umwelt zu schonen.

Landwirtinnen und Landwirte sind im Dauereinsatz für die Sicherstellung unserer Nahrungsmittel. Egal, wie viel Aufwand sie betreiben: Einfluss auf die Preisgestaltung der Lebensmittel hat die Landwirtschaft wenig. Vielmehr steht sie in der Kritik, nicht nachhaltig genug zu agieren.

„Von Glyphosat über Tierhaltung bis zum Klimaeffekt unserer Ernährung, viele Debatten über Landwirtschaft sind von Schlagzeilen, Emotionen und Halbwahrheiten geprägt“

Magali Mohr-Ahlers, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Futurium

Das bestätigt auch eine aktuelle Civey-Studie. Dabei sind die Landwirte zum Beispiel selbst vom Klimawandel betroffen. Das Paradoxe: Auf der anderen Seite sind sie auch Teil der Lösung für den Klimaschutz. Denn mit unterschiedlichen Maßnahmen und High-Tech-Systemen gelingt es der Landwirtschaft heute, schädliche Gase zu verringern, die Böden und die Biodiversität zu verbessern und das Tierwohl zu steigern. Doch sind sie allein für mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft verantwortlich? Schweinemästerin Gesa Langenberg, Spargelbauer Friedrich Dieckmann und Prof. Dr. Harald Grethe diskutieren am 15. Februar im Futurium in Berlin unter dem Motto ‚Stimmt’s oder stimmt’s nicht‘ die Vorurteile, Halbwahrheiten und Irrtümer über die Landwirtschaft.

Eine Tasse Kaffee zum Munterwerden, das belegte Pausenbrot für zwischendurch oder am Sonntag ein Stück Erdbeerkuchen mit Sahne: Die deutsche Landwirtschaft deckt hierzulande laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (2022/2023) mit rund 82 Prozent den Nahrungsmittelbedarf von rund 84,7 Millionen Menschen. Die Ernährungssicherheit in Deutschland ist seit vielen Jahrzehnten stabil, wenn auch Witterungsverhältnisse oder Pflanzenkrankheiten einen Einfluss auf die Erzeugungsmengen haben können.

Doch die moderne Landwirtschaft ist viel mehr als nur der Versorger der Gesellschaft. Sie beteiligt sich aktiv an der Erhaltung von Lebensräumen und trägt mit innovativen Konzepten und dem Einsatz moderner und digitaler Technologien dazu bei, das Klima und die Umwelt zu schützen. Aber genau das zweifeln viele Verbraucherinnen und Verbraucher an. Bei einer aktuellen Civey-Umfrage (Januar 2026) gaben über die Hälfte der Befragten (51,8%) an, dass die Landwirtschaft früher nachhaltiger und naturnäher gewesen sei. Landwirtinnen und Landwirte werden aktuell immer wieder dafür kritisiert, den Klimawandel zu beschleunigen, die Artenvielfalt zu bedrohen und Tiere nicht artgerecht zu behandeln.

Faktenbasierter Dialog im Futurium

Stimmen diese Meinungen? „Von Glyphosat über Tierhaltung bis zum Klimaeffekt unserer Ernährung, viele Debatten über Landwirtschaft sind von Schlagzeilen, Emotionen und Halbwahrheiten geprägt“, urteilt Magali Mohr-Ahlers. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Strategie und Inhalte im Futurium in Berlin ist mitverantwortlich für die Veranstaltung ‚Stimmt’s oder stimmt’s nicht – Von Vorurteilen, Halbwahrheiten und Irrtümern über die Landwirtschaft‘, die am 15. Februar im Futurium stattfindet. „Unser Alltag ist ohne Landwirtschaft undenkbar. Sie ernährt uns, liefert Rohstoffe und prägt Landschaften und Gesellschaften. Gleichzeitig steht sie im Zentrum zentraler Zukunftsfragen rund um Klima, Biodiversität und Landnutzung. Gemeinsam mit dem Forum Moderne Landwirtschaft bringen wir Wissenschaft und Praxis zusammen, um Mythen zu überprüfen und den gesellschaftlichen Dialog faktenbasiert weiterzubringen“, erklärt Magali Mohr-Ahlers.

Dass sich hinter den deutschen Hoftoren und Stalltüren ein steter Wandel vollzieht und die Landwirtschaft zu den innovativsten Branchen der Wirtschaft gehört, ahnen viele Konsumenten nicht. Tatsächlich arbeiten moderne Betriebe heutzutage datenbasiert, ressourceneffizient und innovativ: Sie nutzen präzise Technologien, um zentimetergenau zu düngen, bauen vielfältige Fruchtfolgen an, um die Bodengesundheit zu verbessern, verhindern Erosionen durch Agroforstkonzepte, setzen digitale Tools ein, um präventive Maßnahmen gegen Tierkrankheiten ergreifen zu können oder entwickeln Kreislaufsysteme, um ihre Höfe ganzheitlich aufzustellen.

Professor Dr. Harald Grethe, Professor für Agrarentwicklung und Handel an der Humboldt Universität zu Berlin und Direktor von Agora Agrar

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Das kostet Geld. Professor Dr. Harald Grethe hat eine Lösung. Der Leiter des Bereichs Agrarentwicklung und Handel an der Humboldt-Universität zu Berlin empfiehlt: Wenn Gesellschaft und Politik mehr Nachhaltigkeit bei der Erzeugung von Lebensmitteln erreichen wollen, also mehr Tierwohl, mehr Artenvielfalt und mehr Umwelt- und Klimaschutz, dann müsse dies zum Teil ebenfalls staatlich gefördert werden. Denn die Landwirtschaft produziere in Konkurrenz zu importierten Produkten, und eine nachhaltigere Produktion sei oft mit höheren Kosten verbunden. „Auf diese Weise sind Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit miteinander vereinbar. Mehr Nachhaltigkeit würde stärker als heute zur Chance für die Landwirtschaft werden“, argumentiert der Direktor der Organisation Agora Agrar.

„Wir können und wollen die Zeit nicht zurückdrehen, aber wir haben viele Möglichkeiten, mit einer engagierten Ernährungs- und Agrarpolitik, mit motivierten Landwirtinnen und Landwirten und mit moderner Technik Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu vereinbaren“

Professor Dr. Harald Grethe

Er ist der Überzeugung, dass viele Landwirtinnen und Landwirte gerne mehr für Tierwohl und Umwelt tun würden, führt der Professor an. „Aber sie fragen zu Recht, wer zahlt mir das?“ Ein Beispiel ist Gesa Langenberg aus Niedersachsen.

High-Tech-Stall steigert Tierwohl

Die Diplom-Agrarwirtin gestaltete den elterlichen Mastbetrieb so um, dass Gesa Langenberg für 1400 Schweine das Tierwohl auf Haltungsstufe 4, das ist die beste Haltungsstufe, die konventionelle Betriebe erreichen können, angehoben und gleichzeitig Schadstoffe verringert hat. „Unsere neuen Offenställe mit Auslauf ins Freie unterstützen das natürliche Verhalten der Schweine. Gleichzeitig werden durch ein modernes Kanalsystem die Ausscheidungen getrennt und damit schädliche Ammoniakemissionen reduziert“, sagt sie. „Die Geruchsbelastung in den Ställen ist denkbar gering.

Die Schweine sind ausgeglichener, ihre biologische Leistung höher und wir erreichen einen sehr hohen Gesundheitswert.“ Die Landwirtin bleibt dennoch realistisch: „Die Verbraucher bringen unseren Bemühungen zu mehr Tierwohl ihre Wertschätzung entgegen, aber für viele ist am Ende der Preis entscheidend, was rein wirtschaftlich gesehen auch verständlich ist“, sagt Gesa Langenberg.

Gesa Langenberg, Agrarwissenschaftlerin und Landwirtin mit Schweinehaltung

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Das belegen auch die ausgewerteten Absatzahlen der Initiative Tierwohl aus dem Jahr 2024: Sie zeigen auf, dass die Konsumenten an der Bedientheke zu 75,2 Prozent Schweinefleisch aus der Haltungsstufe 2 kauften, während es sogar 86,3 Prozent aus dem SB-Regal waren. Die 2024 neu eingeführte Haltungsstufe 5 „Bio” hat einen Anteil von 4,3 Prozent im SB-Regal und 4,7 Prozent an der Bedientheke. Für die Stufe 4 wurden 5,1 Prozent (Theke)und 0,5 Prozent (SB-Regal) gemeldet.

Sehr gerne würde sie für ihre Schweine, die sie in Haltungsstufe 2 hält, ebenfalls neue Stallungen bauen: Aber das milliardenschwere Programm für eine tiergerechtere Haltung, das von der letzten Regierung eingeführt wurde, ist mittlerweile wieder gestoppt worden. „Das verringert das Vertrauen in die Politik und trägt dazu bei, dass wir in Deutschland Nutztierhalter verlieren. Sie haben zu wenig Planungssicherheit“, kommentiert Harald Grethe.

Offensichtlich gäbe es noch nicht genügend politischen Willen, das Tierwohl in der Breite zu verbessern: „Das ist eine bisher verpasste Chance“, urteilt der Wissenschaftler.

Neue Technologien für mehr Nachhaltigkeit

Zwei Kritikpunkte widerlegt die aktuelle Civey-Umfrage: 54,5 Prozent der Befragten glauben nicht, dass Nutztiere die größten Klimakiller seien und fast die Hälfte der Befragten (48,5%) sind sich sicher, dass die Landwirte nur so viel Pflanzenschutz einsetzen würden wie notwendig – wie zum Beispiel Friedrich Dieckmann aus Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit seinem Vater probiert er immer wieder neue Technologien auf dem Hof aus. „Ich habe Pflanzenschutz-Spritzen eingesetzt, die punktuell Unkräuter benetzen. Eine tolle Lösung, da man mit ihrer Hilfe bis zu 90 Prozent Pflanzenschutzmittel einsparen kann.“

Friedrich Dieckmann, Landwirt und Content Creator

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In Sachen Vorurteile erzählt der studierte Betriebswirt, dass viele Personen glauben würden, Landwirtschaft ginge so einfach. „Nach dem Motto, ach, das wächst schon. Aber viel Dünger bedeutet nicht gleich viel Ernte“, erklärt er. „Landwirtschaft ist super komplex, und das Klima wird immer unberechenbarer.“ Zweiflern hält er entgegen: „Es sind die Landwirte, die die Gesellschaft ernähren.“

Und auch der Mythos, „früher war alles besser“, überzeugt nicht. Es habe keinen Sinn auf frühere Zeiten zu blicken, als Pferde die Pflüge noch durch kleine Ackerflächen zogen, warnt Harald Grethe: „Wir können und wollen die Zeit nicht zurückdrehen, aber wir haben viele Möglichkeiten, mit einer engagierten Ernährungs- und Agrarpolitik, mit motivierten Landwirtinnen und Landwirten und mit moderner Technik Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu vereinbaren“, resümiert das Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz beim Bundesumweltministerium (WBNK).

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