Schwimmendes Melkkarussell, Schweine im Strohstall und Sensoren am Ohr – ist das noch Landwirtschaft? Ja, und zwar moderne. Zwei Beispiele zeigen, wie Tierwohl und Innovation heute Hand in Hand gehen.
Welche Wege landwirtschaftliche Betriebe heute einschlagen, um Tierwohl und Kundenansprüche in Einklang zu bringen, wurde beim digitalen Thementalk „Zukunftsfelder Landwirtschaft“ deutlich.
Was erwarten wir von Tierhaltung – und was passiert tatsächlich?
Mehr als 70 % der Verbraucher:innen sagenbei einer aktuellen Civey-Umfrage des Form Moderne Landwirtschaft: Tierwohl ist ihnen beim Kauf tierischer Produkte wichtig. Doch gleichzeitig möchten rund 40 % dafür keinen Aufpreis zahlen. Diese Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit stellt Landwirt:innen vor große Herausforderungen: Wie lassen sich höhere Standards finanzieren? Und wie bleibt man wettbewerbsfähig?
„Wir können das – wenn man uns lässt.“
Dirk Sandering
Antworten auf diese Fragen liefern Alwine Hemme und Dirk Sandering. Beide führen landwirtschaftliche Betriebe, die Tradition mit Technik, Nachhaltigkeit mit Tierwohl und Realität mit Anspruch verbinden.
„Wir wollten es anders machen“ – Milchproduktion mit Verantwortung
Alwine Hemme leitet gemeinsam mit ihrer Familie den Betrieb „Hemme Milch“ bei Hannover. Seit 1589 existiert der Hof, heute deckt er die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Kuh bis ins Kühlregal im Supermarkt.
„Früher war der Hof ein Selbstversorgerbetrieb. Heute ernähren wir Teile der Bevölkerung mit“, sagt Hemme. Das Besondere: Ihre Milch wird unter dem eigenen Familiennamen verkauft, jede Packung trägt die Unterschrift des Vaters. Über einen QR-Code auf der Verpackung können Verbraucher:innen den Betrieb digital besuchen. Transparenz ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis.
Was bedeutet Tierwohl für sie konkret? „Es geht um Ruhe im Stall, gesunde Tiere und stabile Milchleistung“, erklärt Hemme. Gesundheit wird nicht nur durch das Auge, sondern auch digital kontrolliert: Über Ohrensensoren werden Bewegungs- und Futterverhalten der Kühe gemessen. Verändert sich das Muster, gibt es eine Warnmeldung an die Herdenmanager. Krankheiten lassen sich so frühzeitig erkennen.
Zentral für den Betrieb ist das sogenannte schwimmende Melkkarussell – das erste seiner Art in Deutschland. Es sorgt für besonders ruhige Abläufe beim Melken. Besucher:innen können durch eine Glasscheibe zuschauen. „Kühe brauchen alles, nur keinen Stress“, sagt Hemme. „Und das sieht man ihnen an.“
Schwein gehabt: Mehr Tierwohl in der Mast
Dirk Sandering betreibt im niedersächsischen Emsland einen Schweinemastbetrieb der besonderen Art. „Ich wollte keinen Standardstall auf die Wiese setzen, sondern ein Konzept für die Zukunft entwickeln“, sagt Sandering. Herausgekommen ist ein innovativer Betrieb, der Tierwohl, Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft verbindet.
Stroh statt Spaltenboden, viel Platz, Ringelschwänze statt Kupieren – Dirk Sandering setzt auf ein Haltungssystem, das über die Anforderungen der Haltungsform 3 hinausgeht. „Das ist so ein 3 Plus“, beschreibt er sein Konzept. Die Tiere wühlen im Strohkompost, der mit ihnen mitwächst. Das Schwein darf wieder Schwein sein. Der Ringelschwanz gilt als Symbol für Tierwohl: „Wenn Schweine sich wohlfühlen und beschäftigt sind, beißen sie sich nicht gegenseitig.“
Zugleich wird aus dem Mist Biogas erzeugt, das die hofeigene Energieversorgung sichert. Eine Photovoltaikanlage auf dem Stalldach, ein Batteriespeicher und wachsende Eigenversorgung mit Strom und Wärme runden das Konzept ab. „Wir sind heute zu 100 % wärmeautark und knapp 40 % energieautark, was den Strom angeht. Mein Ziel ist es bis 2030 beim Strom auf 80 % Eigenversorgung kommen“, so Sandering.
Vom Stall ins Regal: Ohne Vermarktung geht es nicht
Sowohl Hemme als auch Sandering betonen: Tierwohl allein reicht nicht. Ohne passende Vermarktung funktioniert das System nicht. Hemme hat sich Schritt für Schritt in den Lebensmitteleinzelhandel gekämpft, erst per Haustürlieferung, dann über direkte Kontakte zu regionalen Supermarktbetreiber
Sandering arbeitet mit einem Vermarktungspartner zusammen, der ihm eine planbare Abnahme sichert. „Das ganze System muss wirtschaftlich sein – sonst geht es nicht auf.“
Ein weiterer wichtiger Faktor: die Mitarbeitenden . Beide Betriebe setzen auf gut ausgebildetes Fachpersonal und investieren in technische Hilfen, um Arbeitsbedingungen zu verbessern und Fachkräfte zu halten.
Fazit: Innovation braucht Vertrauen und Freiraum
Moderne Tierhaltung bedeutet nicht zwangsläufig Massentierhaltung. Sie kann auch bedeuten: mehr Technik, mehr Transparenz, mehr Tierwohl. Die Beispiele von Hemme und Sandering zeigen, wie es gelingen kann, Anspruch und Alltag miteinander zu verbinden.
Damit mehr Betriebe diesen Weg gehen können, braucht es aus Sicht der beiden Landwirte vor allem eines: Planungssicherheit und weniger Bürokratie. „Regulierung darf Innovation nicht verhindern“, bringt es Hemme auf den Punkt. Oder wie Sandering sagt: „Wir können das – wenn man uns lässt.“
Neuer Blick aufs Tierprodukt: Wer das nächste Mal Milch oder Fleisch einkauft, kann genauer hinschauen. Vielleicht steckt hinter der Verpackung mehr Tierwohl und Technologie, als man denkt.