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Geschrieben von Forum Moderne Landwirtschaft e.V. | 13.11.2023 10:21:57

Von der Aussaat bis zur Einlagerung – bei der Lebensmittelerzeugung wird unterschiedlich viel Kohlendioxid freigesetzt. Mit dem Projekt KlimaPartner Landwirtschaft von BASF und der Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein-Main AG wird getestet, wie die Landwirtschaft CO2-Emissionen reduzieren und trotzdem höhere Erträge in guter Qualität erreichen kann.

„Unser Ziel ist, die CO2-Emissionen um 30 % pro Tonne Ernteertrag zu senken“

 

Dass Heinrich Esser eines Tages zu einem Pionier wird, hätte der Nordrhein-Westfale nicht erwartet. Tatsächlich ist der junge Landwirt der erste in Deutschland, auf dessen Betrieb untersucht wird, wie der CO2-Fußabdruck in der Produktion von Winterweizen um bis zu 30 Prozent pro Tonne Erntegut reduziert werden kann und sich die Erträge dennoch um rund drei Prozent erhöhen.

Für das auf zehn Jahre ausgerichtete Projekt KlimaPartner Landwirtschaft hat der Vater zweier Kinder ein Versuchsfeld mit Weizen angelegt, das so groß wie etwa zwei Fußballfelder ist, und dieses in zehn Parzellen unterteilt. Zusätzlich gibt es eine sogenannte Nullparzelle. Dort nimmt er keinerlei Pflegemaßnahmen vor. „Auf den Versuchsparzellen probiere ich unterschiedliche Düngemittel aus, die wenig Lachgas freisetzen und die Nährstoffe über einen längeren Zeitraum verteilen“, erzählt der Kelzer. Auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln variiert auf den Parzellen. „Unterstützt werde ich dabei von Projektberatern und einer Software“, erläutert Heinrich Esser, der den Hof von seinen Eltern gepachtet hat.

Auf rund 150 Hektar baut er Kartoffeln, Getreide, Raps, Spargel, Erdbeeren, Kürbisse, Erbsen und verschiedene Kohlarten an. „Xarvio Field Manager“ heißt die Software, die Satellitenaufnahmen und Wetterdaten nutzt, um zu erkennen, wie sich der Weizen entwickelt, wo der Boden nährstoffreicher ist als an anderen Stellen oder ob ein Krankheitsrisiko vorliegt. Anhand der Daten analysiert das digitale Programm, wann und wie viel der Landwirt düngen oder welche Pflanzenschutzmittel er ausbringen sollte – immer unter dem Aspekt, den CO2-Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Der digitale Helfer ist es auch, der am Ende ermittelt, wie viel CO2-Emissionen pro Tonne Erntegut auf den einzelnen Parzellen verursacht worden sind.

 

Beim Weizenanbau entstehen über 300 Kilo CO2 pro Tonne

Wissenschaftler der Technischen Universität München errechneten, dass bei der Herstellung von Kartoffeln 200 Kilo CO2- Äquivalente pro Tonne entstehen, bei Gemüse bis zu 150 Kilo. Spitzenreiter ist Reis mit 6000 Kilo! Für Weizen ermittelte BASF auf Basis des AgBalance-Modells mit Referenzdaten verschiedener Forschungsinstitute, Organisationen und Behörden, dass der Bundesdurchschnitt der erzeugten CO2-Äquivalente bei 327 Kilo pro Tonne Ertrag liegt.

„Unser Ziel ist, die CO2-Emissionen bei Winterweizen um 30 Prozent pro Tonne Ernteertrag zu senken. Den Ausgangswert bildet dabei die durchschnittliche CO2- Emission der vergangenen drei Jahre auf diesem Feld“, sagt der Landwirt.

Dafür muss er seine pflanzenbaulichen Methoden auf den Parzellen immer wieder neu justieren. Die nötigen Angaben dazu liefern ihm die Satellitendaten der Software.

 

Wie werden die CO2-Emissionen errechnet?

Während der Saison berechnet die Software immer wieder die CO2-Emissionen, die durch verschiedene Maßnahmen wie Düngung oder Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln entstehen. Auf dieser Basis bekommt der Landwirt Empfehlungen, was er wann mit welchem Produkt und mit welcher Aufwandmenge machen soll, damit sein Ertrag hoch und seine CO2- Emissionen niedrig sind.

Die Software zeigt zudem an, wie viele Treibhausgasemissionen durch welche Maßnahmen verursacht werden. Produktion und Ausbringung von Düngemitteln machen den größten Teil davon aus, Pflanzenschutzmittel mit zwei bis drei Prozent spielen hier nur eine kleine Rolle. Die Erfahrungen, die beim Anbau von Winterweizen bei Heinrich Esser gesammelt werden, sollen in Zukunft auch anderen Landwirten helfen, klimafreundlicher zu produzieren.

„Für mich ist die Teilnahme an dem Pilotprojekt sehr zeitaufwendig, aber ich habe auch viel über den Weizenanbau gelernt. Meine Nullparzelle zum Beispiel steckte voller Krankheiten.“

 

Zusätzlich zur CO2-Reduzierung bei der Lebensmittelproduktion fördert Heinrich Esser auf seinen Ackerflächen gezielt den Humusaufbau. „Nach der Weizenernte baue ich eine Zwischenfrucht an, die den Boden durchwurzelt und stabilisiert.“ Mit dem Anbau unterschiedlicher Zwischenfrüchte wie Ölrettich steigert er den Nährstoffgehalt im Boden und verbessert die Durchlüftung.

Für ihr Engagement beim KlimaPartner- Projekt und die erzielten CO2- Einsparungen in Höhe von 30 Prozent erhalten Landwirte, die ab der kommenden Saison mitmachen, eine Prämie. So wird der Mehraufwand für die Landwirte finanziell ausgeglichen.

 

Verbraucher sind gefordert

Insgesamt können im Rahmen des KlimaPartner- Projekts kommendes Jahr in Deutschland bis zu 40 000 Hektar Winterweizen angebaut werden.

„Bei einer klimafreundlicheren Produktion von Lebensmitteln muss auch der Verbraucher mitspielen“, fordert der Landwirt.

Denn dieser müsse die Kosten einer nachhaltigeren Erzeugung mittragen. „Außerdem sollten sich die Verbraucher bemühen, regional und saisonal einzukaufen. Wenn es deutsche Frühkartoffeln gibt, die etwas teurer als die ausländischen Angebote sind, sollte man zu den einheimischen Produkten greifen. Denn die Transportwege zum Beispiel aus Ägypten verursachen hohe CO2-Ausstöße.“

Auch dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden, kann Esser nicht verstehen. „Nicht nur, dass mühsam angebaute Nahrungsmittel in die Tonne wandern, auch der durch ihre Herstellung verursachte CO2-Ausstoß war vollkommen überflüssig“, bedauert der Kelzer.

„Wir werfen hier auch nichts weg. Wenn Erdbeeren kleine Macken haben, werden diese zu Marmelade verarbeitet und in unserem Hofladen verkauft.“

Eine Sache kann er gar nicht nachvollziehen: „Es gibt Lebensmitteleinzelhändler, die weisen Produzenten an, die Kartoffeln vorm Verpacken zu waschen. Dadurch verlieren sie ihre Schutzschicht. Ihre Haltbarkeit im Supermarkt verringert sich von etwa drei Wochen auf drei Tage.“ Kein Wunder, dass von den zwar sauberen, aber ansonsten vergammelten Kartoffeln so viele weggeworfen werden müssten. Das sei alles andere als klimafreundlich, so der Landwirt. Er möchte auch in Zukunft die Biodiversität fördern.

„Bei uns leben noch Grauammern, Feldlerchen, Fasane, Rebhühner und jede Menge Insekten. Wir legen schon seit Jahren Blühstreifen und Streuobstwiesen an. Aktuell haben wir zehn Prozent unserer Fläche extensiv bewirtschaftet oder stillgelegt. Und dieses Engagement soll sich auch nicht ändern.“