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N wie nachhaltig

Geschrieben von Forum Moderne Landwirtschaft e.V. | 17.02.2022 09:00:00

Zum Hof Vogelsang in der Nähe von Rheda-Wiedenbrück gehören mehrere rote Klinkergebäude. Hier leben vier Generationen der Familie unter zwei Dächern zusammen. In den angrenzenden Ställen sind 190 Kühe, 1000 Mastschweine, 120 Sauen sowie eine eigene Ferkelzucht untergebracht. Umgeben ist der Betrieb von rund 160 Hektar Land, auf dem Tierfutter angebaut wird. Das klingt nach einem traditionellen Landwirtschaftsbetrieb. Tatsächlich ist der Hof aber einer der modernsten in Nordrhein-Westfalen. Denn er zählt zu den 31 Modellbetrieben in NRW, auf denen innovative Technologien getestet und eingesetzt werden, um Grundwasser und Umwelt zu schützen.

Daten sammeln und analysieren

Stefan Vogelsang überlässt nichts dem Zufall. Auf seinen digitalen Ackerschlagkarten sammelt er alle Daten, die er zur präzisen Bestellung seiner Felder benötigt. Dazu zählen unter anderem die Informationen zum unterschiedlichen Nährstoffgehalt der einzelnen Feldabschnitte und zu deren Bodenqualität. Er speichert auch exakte Angaben zur ausgebrachten Aussaat, zu Dünger, Pflanzenschutzmitteln und der Menge der Nährstoffe, die er mithilfe von organischem Dünger auf den Teilflächen seiner Felder ausgebracht hat. Am Ende werden die Erträge ebenfalls genau erfasst und digital abgespeichert. Mit diesen Daten ermittelt der Landwirt wiederum seinen jährlichen Düngebedarf, wobei Höchstmengen an Stickstoff und Phosphor gesetzlich festgelegt sind.

Düngeausbringung und Inhaltsstoffbestimmung

Gedüngt werden seine Felder mit der Gülle, die von seinen Tieren stammt. Diese basiert auf den Früchten, die Vogelsang als Viehfutter anbaut. Das nennt man eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft. „Gülle ist ein biologischer Volldünger mit vielen Nährstoffen. Seit fünf Jahren verwende ich ein Nahinfrarotspektrometer (NIRS). Mit diesem modernen Gerät kann ich die Inhaltsstoffe und deren Menge in der Gülle genau bestimmen“, erklärt der junge Betriebsleiter. Das heißt, er weiß, wie viel Gramm Stickstoff, Phosphat, Ammonium und Kalium in dem organischen Dünger jeweils enthalten sind. „Dadurch bringe ich nicht mehr eine bestimmte Menge an Gülle pro Quadratmeter aus, sondern exakt die Menge an Nährstoffen, die mir auf einer Teilfläche des Ackers fehlt, um die Pflanzen optimal zu ernähren.“ Pro Jahr sind das ca. 3,1 Liter Gülle pro Quadratmeter. Das entspricht vier mittelgroßen Flaschen Wasser (0,75 l). „Früher hat man immer die gesamte Gülle, die auf dem Hof von den Tieren produziert wurde, ausgefahren“, erläutert der Landwirt.

Einsatz hochmoderner Technik

Das Messsystem NIRS hat eine Infrarotlinse und sieht aus wie ein kleiner Schuhkarton, der auf dem Güllefass angebracht wird. Der Analysevorgang ist einfach: Nachdem eine Pumpe die Gülle aus dem Fass gesaugt hat, drückt sie diese durch eine Leitung am Sensor vorbei in Richtung Ausbringgerät. Dabei misst der Sensor die Nährstoffkonzentration und übermittelt die Daten in Echtzeit an den Computer in der Traktorkabine. Dort sind bereits die digitalen Ackerschlagkarten hinterlegt, die an den einzelnen Feldabschnitten rot, grün und gelb aufleuchten und genau aufzeigen, wo Nährstoffbedarf besteht.

Vorteile durch technische Unterstützung

Das heißt, der Traktorcomputer weiß genau, wie viel Gülle er wo maximal ausbringen darf, und merkt sich dabei die Menge der ausgebrachten Nährstoffe, sodass es auch bei weiteren Düngevorgängen im Laufe des Jahres nicht zu einer Überdüngung und Überschreitungen der gesetzlichen Angaben kommt. Zugleich verhindert die Technik eine Unterdüngung der Pflanze, denn dies wäre im Hinblick auf eine wachsende Bevölkerung bei gleichzeitig schwindender Fläche nicht effizient oder ressourcenschonend. „Eine Belastung des Grundwassers tritt auf, wenn ich einen Überschuss an Nährstoffen im Boden erzeuge, die die Pflanzen nicht aufnehmen können“, beschreibt Vogelsang. In dem Fall sinkt der Nährstoff immer tiefer in den Boden und gelangt auf diese Weise irgendwann ins Grundwasser. „Im Schnitt kann das bis zu zehn Jahre dauern“, sagt das Nordrhein-Westfale. Die Überschüsse, die jetzt im Grundwasser gemessen würden, seien noch die Fehler „unserer Väter und Großväter“, meint Vogelsang.

 

Präzise Gülleausbringung

Ein an der Gülletonne befestigtes Gestänge arbeitet die präzise ausgebrachte Güllemenge direkt in den Boden ein. Dadurch gehen keine Nährstoffe verloren. „Und es stinkt weniger“, so Vogelsang. „Da ich einen GPS-gesteuerten Trecker fahre, weiß ich auf zwei Zentimeter genau, wo ich mich auf dem jeweiligen Feldabschnitt befinde“, sagt der Landwirt. „Die automatisierte Maschine steuert schnurgerade über den Acker. Dadurch ist eine gleichmäßige Verteilung der Gülle ohne Überlappungen gewährleistet.“

Hochmoderne Sensorik

Vorn auf seinem Traktor ist ein weiterer Sensor angebracht. Dieser scannt die Pflanzen. Anhand deren Farbe kann er den Chlorophyllgehalt, also das Blattgrün jeder Pflanze, erkennen und analysiert auf dieser Basis, wie gut oder schlecht das Gewächs mit Stickstoff versorgt ist. „Auch diese Informationen werden vom Computer in Echtzeit gespeichert, ausgewertet und bei der Düngung berücksichtigt“, sagt Vogelsang. Das heißt, während der Ausbringung verändert der Düngerstreuer entsprechend die Dosis. „Bei der ersten Andüngung erhalten die weniger grünen Pflanzen den meisten Stickstoff, während bei der Abschlussdüngung dort, wo die Pflanzen zum Beispiel wegen Trockenstress heller sind, gar nichts mehr gestreut wird“, erklärt er. Am liebsten würde der Landwirt jede Woche eine kleine Menge Düngemittel ausbringen. „Das Düngen ist vergleichbar mit Blumengießen“, sagt er. „Je öfter und je kleiner die Mengen sind, umso besser ist es für die Pflanzen.“ Bis zu sechs Mal im Jahr fährt er seine exakt ermittelten Nährstoffmengen auf seinen Feldern aus.

Dokumentation wichtiger denn je

„Wir geben auch Gülle an Ackerbaubetriebe ab. Sie profitieren davon, dass wir alle ausgebrachten Nährstoffe detailliert dokumentieren können“, erzählt Vogelsang. Die Ackerbaubetriebe erhalten im Anschluss an die Arbeit einen Ausdruck darüber. Gleichzeitig gibt Landwirt Vogelsang die Informationen online an die staatliche Datenbank weiter. „Damit sind wir sofort gesetzeskonform. Zudem hat der Ackerbaubetreiber die Kontrolle, dass er tatsächlich die Nährstoffe erhält, die er auch bestellt hat.“ Die Möglichkeit der exakten Beweisführung sei wichtiger denn je, stellt Stefan Vogelsang fest. Denn das Misstrauen der Verbraucher den Landwirten gegenüber würde immer größer. Dabei hätte die Landwirtschaft selbst ein großes wirtschaftliches Interesse daran, ihre Böden und die Umwelt gesund zu halten.